«Wissen allein ändert Verhalten nicht»

Menschen rauchen oder haben ungeschützten Sex, obwohl sie die Risiken kennen. Sozialwissenschafterin Eva Brunner erklärt, weshalb Leute solche Risiken eingehen und wie Präventionsexperten vorgehen sollten. Sie nimmt auch Stellung dazu, wie die Suva Forstwart-Lehrlinge sensibilisieren kann oder wie das Risikoverhalten an Maschinen zu senken ist.

Eva Brunner

Es ist erwiesen, dass Rauchen schädlich ist. Weshalb rauchen Leute trotzdem?
Eva Brunner:
Das Wissen der Raucher ändert ihr Verhalten noch lange nicht. Zwar wissen Sie, dass rauchen schädlich ist. Sie verbinden damit aber auch positive Aspekte wie die Gewichtskontrolle, oder Jugendliche erhalten so einen leichteren Zugang zu gewissen Gruppen. In der klassischen Gesundheitserziehung wird angenommen, es genüge den Zeigefinger zu heben und den Leuten die Risiken aufzuzeigen, damit sie ihr Verhalten ändern. So einfach funktioniert das jedoch leider nicht.

Wie funktioniert es dann?
Brunner:
Man muss Rauchern zeigen, wie sie zu einem gesunden Verhalten gelangen können, und sie motivieren, aufzuhören.

Prävention soll also nicht schockieren und die negativen Konsequenzen aufzeigen, sondern Verhaltensalternativen darlegen?
Brunner:
Ja. Und es ist wichtig, zum Beispiel Leute, die das Rauchen aufgeben wollen, darauf hinzuweisen, wie sie mit Risikosituationen umgehen sollen. Ein Raucher hat oft beim Ausgehen am Wochenende, wenn er Alkohol trinkt, oder nach einem guten Nachtessen das Verlangen nach einer Zigarette. Er muss also im Voraus wissen, wie er mit solchen Risikosituationen umgehen soll. Später müssen ihm Bewältigungsstrategien bereit gelegt werden, damit er nicht rückfällig wird. Trotzdem sollte ein einmaliger Rückfall nicht verteufelt werden. Vielmehr braucht er Strategien, wie er mit einem Rückfall umgehen kann.

Die Suva engagiert sich in der Arbeits- und Freizeitsicherheit. In Forstbetrieben besteht das Problem, dass Lehrlinge oft verunfallen. Wie kann das Verhalten der Lehrlinge geändert werden?
Brunner:
Durch Interviews und Gruppendiskussionen können die sozialen Normen – also die gemeinsamen Regeln dieser Gruppe – aufgezeigt werden. Gut wäre auch, schwierige und gefährliche Situationen zu diskutieren, um so herauszufinden, weshalb Lehrlinge unnötige Risiken eingehen. Danach können Lösungsvorschläge ausgearbeitet werden. Neben der Risikokommunikation muss auch die Sicherheitskultur im Unternehmen miteinbezogen werden. Solche Projekte tragen aber nur dann Früchte, wenn auch die Führungsebene eines Unternehmens mitspielt. Die Vorarbeiter treten zum Beispiel als Vorbildspersonen auf. Wenn diese die Sicherheitsvorkehrungen nicht umsetzen ist es auch nicht verwunderlich, wenn sie von den Lehrlingen nicht eingehalten werden.

Wie kann eine solche Sicherheitskultur im Unternehmen umgesetzt werden?
Brunner:
Die Lehrlinge sollten einerseits zusammen mit Vorarbeitern, Vorgesetzten und Ausbildern über die Sicherheitsrichtlinien aufgeklärt werden. Zudem könnte man einige Lehrlinge ausbilden, damit sich diese in Risikosituationen am Arbeitsplatz vorbildlich verhalten. Diese zeigen dann vor Ort ihren Kolleginnen und Kollegen die präventiven Botschaften und Handlungspläne auf. Ich denke, dass dieser Ansatz gut funktionieren würde, weil Jugendliche Informationen besser aufnehmen, wenn sie ihnen von Gleichaltrigen vermittelt werden.

In industriellen Betrieben setzen Arbeitnehmer Schutzeinrichtungen an Maschinen ausser Kraft, weil sie diese als Hindernis empfinden. Wie könnte dort das Risikoverhalten reduziert werden?
Brunner:
Bei der Auswahl der Sicherheitsvorkehrungen ist es wichtig, dass der Betrieb die Arbeitnehmer ins Boot holt und sie in den Entscheidungsprozess miteinbezieht. Sinnvoll sind auch Trainings vor Ort für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in denen aufgezeigt wird, wie sie auch mit Schutzeinrichtungen schnell und effizient arbeiten können. Dies hilft mit, dass die Sicherheitsvorkehrungen bei der normalen Alltagsroutine eingehalten werden, ohne dass die Arbeitnehmer das Gefühl haben, langsamer zu sein.

Gibt es Menschen mit einem besonders hohen Risikoverhalten?
Brunner:
Jugendliche haben ein höheres Risikoverhalten als ältere Menschen.

Wo zeigt sich dies?
Brunner:
Dies zeigt sich zum Beispiel in der Jugendsexualität. Während unserer Untersuchungen an der Fachhochschule Kärnten haben wir Jugendliche gefragt, weshalb sie Kondome benutzen oder eben nicht. Die Befragung ergab folgendes Resultat: Jene die keine Kondome verwenden, sehen dies als Vertrauensbeweis dem neuen Partner gegenüber.

Was schliessen Sie daraus?
Brunner:
Das Phänomen, das heute beobachtet wird, ist jenes der seriellen Monogamie. Das bedeutet, dass Jugendliche einen exklusiven Sexualpartner nach dem anderen haben und im Normfall sehr wenig über dessen Sexualbiografie wissen. Was Jugendliche als Partnerschaft mit langer Dauer titulieren, deckt sich nicht mit dem, was Erwachsene als lange Partnerschaft bezeichnen. Wir haben in unseren Interviewstudien mit Jugendlichen herausgefunden, dass sie bereits eine zwei- bis dreiwöchige Beziehung als lange Partnerschaft ansehen und deshalb häufig das Kondom nicht mehr benutzen. Deshalb denke ich, dass man beispielsweise diese Vertrauensthematik mit Präventionskampagnen rund um das Thema Jugendgesundheit innerhalb der Sexualität klar thematisieren sollte.

 

Eva Brunner ist Professorin für angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Kärnten (A). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der betrieblichen Gesundheitsförderung in Krankenhäusern und Hochschulen, Belastungen und Ressourcen in der Arbeitswelt, sowie in der Evaluation gesundheitsförderlichen Massnahmen.