Progrès – die Antwort der Suva auf die Zunahme berufsassoziierter Gesundheitsstörungen

Arbeitsmedizin

Progrès – die Antwort der Suva auf die Zunahme berufsassoziierter Gesundheitsstörungen

In den letzten Jahren sind die sogenannten «berufsassoziierten Gesundheitsstörungen» (BAGS) mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Es handelt sich dabei um Beschwerden, die im Zusammenhang mit körperlichen Beanspruchungen, Stress, Burnout, Mobbing oder Bewegungsarmut auftreten.

Aufgrund der Vorgaben des Unfallversicherungsgesetzes können diese Beschwerden von den Versicherungen nicht als «Berufskrankheit» anerkannt werden. Die berufsassoziierten Gesundheitsstörungen sind aber – wegen der damit verbundenen persönlichen Konsequenzen und Arbeitsunfähigkeiten – für die Betroffenen, die Betriebe und die Gesellschaft ein wichtiges Thema.

Die Suva beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen BAGS. Im Projekt «Progrès» setzt sie Schwerpunkte bei der Forschung und beim Entwickeln von praxisgerechten Mitteln für die Prävention.

 

Was sind Berufskrankheiten?

Gesetzliche Grundlagen

Der Begriff der Berufskrankheit ist im Unfallversicherungsgesetz (UVG) in Art. 9.1 und Art. 9.2(Link wird in einem neuen Fenster geöffnet)   geregelt. Eine Berufskrankheit liegt gemäss Art. 9.1 UVG dann vor, wenn eine Krankheit vorwiegend durch bestimmte Stoffe und Arbeiten bei der beruflichen Tätigkeit verursacht worden ist. Diese Stoffe und Krankheiten sind in der Liste der schädigenden Stoffe und arbeitsbedingten Erkrankungen in Anhang 1 der Verordnung über die Unfallversicherung UVV aufgeführt. Gemäss Art. 9.2 UVG können auch andere Krankheiten als Berufskrankheit anerkannt werden, wenn nachgewiesen wird, dass sie «ausschliesslich oder stark überwiegend» durch die berufliche Tätigkeit verursacht worden sind.

Sind sogenannte Listenstoffe oder Listenkrankheiten im Spiel und ist eine Beurteilung nach UVG Art. 9.1 vorzunehmen, kann im Einzelfall häufig aufgrund medizinischer Kriterien beurteilt werden, ob die Krankheit vorwiegend, das heisst zu über 50 Prozent, durch berufliche Faktoren verursacht worden ist. Bei multifaktoriell bedingten Krankheitsbildern muss hingegen aufgrund epidemiologischer Kriterien beurteilt werden, ob die beruflichen Einwirkungen für eine vorwiegende Verursachung des Krankheitsbildes in Frage kommen. Dies ist dann der Fall, wenn das relative Risiko der exponierten Arbeitnehmenden gegenüber nicht exponierten über 2 beträgt.

Die Beurteilung, ob eine Berufskrankheit nach UVG Art. 9.2 vorliegt, kann im Einzelfall ebenfalls häufig aufgrund medizinischer Kriterien vorgenommen werden. Bei multifaktoriell bedingten Krankheitsbildern ist aufgrund epidemiologischer Kriterien zu beurteilen, ob die berufliche Tätigkeit zu über 75 Prozent am Krankheitsbild ursächlich ist. In dieser Situation wird ein relatives Risiko der exponierten Arbeitnehmenden gegenüber nicht exponierten von über 4 gefordert, damit eine Berufskrankheit anerkannt werden kann.

Häufigkeiten

Gegenwärtig werden in der Schweiz über 3000 Fälle von Berufskrankheiten durch die UVG-Versicherer pro Jahr anerkannt. An erster Stelle stehen Berufskrankheiten der Haut, Infektionen und Kontaminationen einschliesslich Stich- und Schnittverletzungen, lärmbedingte Höreinbussen sowie Berufskrankheiten des Bewegungsapparates mit einem Anteil von je rund 20 Prozent. Erkrankungen der Atemwege, Berufskrankheiten durch Asbest und Staublungen machen insgesamt rund 15 Prozent der Berufskrankheiten aus. Vergiftungen werden nur noch selten als Berufskrankheit gemeldet.

 

Was sind berufsassoziierte Gesundheitsstörungen?

Als berufsassoziierte Gesundheitsstörungen (BAGS) werden gesundheitliche Probleme bezeichnet, die durch berufliche Belastungen mitverursacht oder begünstigt sein können, die aber die gesetzlichen Kausalitätskriterien einer Berufskrankheit nach UVG nicht erfüllen. BAGS sind häufig durch mehrere Faktoren bedingt, welche nicht eindeutig der Arbeit oder ausserberuflichen Faktoren zugewiesen werden können.

Damit eine Berufskrankheit anerkannt werden kann, muss eine ärztliche Abklärung oder Behandlung stattfinden oder eine Arbeitsunfähigkeit resultieren. Der Patient muss bei einem UVG-Versicherer versichert sein, eine Anmeldung beim UVG-Versicherer muss erfolgen und die Kausalitätskriterien nach UVG müssen erfüllt sein. Berufsassoziierte Gesundheitsstörungen können dann resultieren, wenn diese Faktoren nicht gegeben sind.

 

Beispiel Stress

Als Beispiel berufsassoziierter Gesundheitsstörungen können gesundheitliche Probleme durch psychosoziale Einwirkungen respektive Stress am Arbeitsplatz erwähnt werden. Unter Stress versteht man ein Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen und den persönlichen Handlungsmöglichkeiten, wobei dieser Ungleichgewichtszustand persönlich bedeutsam ist und als unangenehm erlebt wird. Belastende Faktoren am Arbeitsplatz sind vielfältig. Nicht nur die Arbeit an sich, das heisst die Arbeitsinhalte und Arbeitsaufgaben können zu Belastungen führen, sondern auch Aspekte der Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen, die Rahmenbedingungen sowie Unvereinbarkeiten zwischen Beruf und Privatleben.

Die Belastungen stammen nicht nur von der Arbeit an sich, sondern auch aus dem familiären Bereich und dem sozialen Umfeld. Die Ressourcen betreffen Faktoren der Person und Kompetenzen bei der Arbeit, sind aber auch von vorübergehenden Faktoren abhängig wie sozialer Unterstützung, Krankheit oder psychischen Problemen. Heute stehen zwei Stressmodelle im Vordergrund. Das Effort-Reward-Modell sieht den resultierenden Stress in mangelnder finanzieller oder ideeller Belohnung im Vergleich zum geleisteten Aufwand. Gefährdet sind vor allem Berufe mit hohem persönlichen Engagement wie soziale Berufe. Das Demand-Control-Modell fokussiert auf das Ungleichgewicht zwischen einer hohen Arbeitsbelastung, Zeitdruck und Hektik einerseits und mangelnder Kontrolle über die eigene Arbeit und geringer Mitwirkung andererseits.

 

Beispiel Gesundheitsstörungen wegen Bewegungsarmut

Ein anderes Beispiel von berufsassoziierten Gesundheitsstörungen sind mit der körperlichen Inaktivität am Arbeitsplatz zusammenhängende gesundheitliche Probleme. So nimmt der Anteil der Arbeitnehmenden mit sitzender Tätigkeit stetig zu; einerseits durch die Verschiebung von Arbeitsplätzen von der Industrie in den Dienstleistungssektor, andererseits durch die zunehmende Automatisierung in der Industrie. Diese Veränderungen führen generell zu einer Verringerung der körperlichen Belastungen und vermehrter Inaktivität, wobei Inaktivität auch ein Problem des Arbeitswegs und der Freizeit darstellt.

Eine Folge der körperlichen Inaktivität ist das sogenannte metabolische Syndrom, das heisst ein Stoffwechselproblem, das mit zu hohen Blutzuckerwerten sowie hohen Blutfettwerten einhergeht. Inaktivität erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Hirnschläge. Körperliche Inaktivität ist aber auch mit anderen Problemen vergesellschaftet wie einem erhöhten Risiko für Dickdarmkrebse oder für Osteoporose, das heisst Knochenarmut. Körperliche Inaktivität beeinflusst psychische Probleme wie Depressionen und Angstzustände ungünstig. Auch das Unfallgeschehen wird durch Inaktivität ungünstig beeinflusst. Andererseits ist der günstige Einfluss der Bewegung, beispielsweise als Schutz vor dem Auftreten von Herzinfarkten, klar dokumentiert.

 

Das Suva-Projekt Progrès

Als führende Schweizer Versicherung für Unfälle und Berufskrankheiten betrachtet es die Suva als ihre Aufgabe, gesellschaftliche und medizinische Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen und bei der Gestaltung ihres umfassenden Leistungsangebotes zu berücksichtigen. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Progrès der Suva befasst sich daher seit längerer Zeit intensiv mit den berufsassoziierten Gesundheitsstörungen.

 

Welche Ziele verfolgt Progrès?

Durch systematische Reviews soll eine wissenschaftlich evidenzbasierte Grundlage für die Beurteilung von BAGS geschaffen werden. Auch für die Prävention von BAGS müssen evidenzbasierte Grundlagen erarbeitet werden. Es ist zudem ein zentrales Anliegen von Progrès, für die Anwender praxisgerechte Mittel für die Prävention zu entwickeln und zu erproben.

Seit 2002 veranstaltet die Suva jährlich ein Nationales Diskussionsforum über BAGS. Diese Foren stossen auf breites Interesse. Sie werden jeweils von Vertretern aller wichtigen Akteure des Schweizerischen Gesundheitswesens besucht. Seit 2006 führt die Abteilung Arbeitsmedizin der Suva auch Fachtagungen für Arbeitsmediziner zum Thema BAGS durch. Die Suva ist zudem im Stiftungsrat der Gesundheitsförderung Schweiz vertreten und engagiert sich seit mehr als 15 Jahren in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Die Erkenntnisse aus all diesen Aktivitäten fliessen in die Suva-Angebote «Absenzenmanagement» und in die betriebliche Präventionsberatung ein.

 

Welche Themen stehen im Vordergrund?

Im Fokus steht der Bewegungsapparat mit den Themen lumbale Schmerzen und Wirbelsäule einerseits, Probleme des Schultergürtels und der oberen Extremitäten andererseits. Ein wichtiges Gebiet stellen psychosoziale Einwirkungen dar, mit den Themen Stress, Burnout, Mobbing und Work-Life-Balance. In diesem Zusammenhang sind auch Probleme der Arbeitsorganisation und des Arbeitsumfeldes wichtig. Auch den Themenkreisen Arbeit und Herz-Kreislauf, Arbeit und Bewegung sowie Arbeit und Alter nimmt sich die Arbeitsgruppe Progrès an.

 

Welche Projekte werden im Rahmen von Progrès bearbeitet?

  • Untersuchung zur Interventionsstrategie für chronisch muskulo-skelettale Schmerzen: Diese Untersuchung wird von der ETH Zürich und der Universität Lausanne durchgeführt.
  • Homepage stressNOstress.ch(Link wird in einem neuen Fenster geöffnet)  : Die Homepage ist von der Universität Bern erarbeitet worden. Sie gestattet sowohl den Betrieben wie den einzelnen Mitarbeitenden eine Situationseinschätzung zur Stressbelastung und den Stressfolgen. Zudem werden Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt.
  • Work-Life-Balance und Gesundheit: Die Untersuchung der ETH und der Universität Zürich gibt Aufschluss über die Zusammenhänge zwischen Beruf und Privatleben und deren Auswirkungen auf die Gesundheit.
  • Wirkung des stochastischen Resonanztrainings: Die Untersuchung der Universität Bern und der Fachhochschule Bern prüft, ob und in welchem Mass Beschwerden des Bewegungsapparates durch ein gezieltes Training verringert werden können und ob damit die Dauer die Arbeitsunfähigkeit von Arbeitnehmenden reduziert werden kann.
  • Kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Krankheitsursachen bei psychischen Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz: Die Untersuchung der Universität Lugano hat zum Ziel, aus der Analyse der Wahrnehmung von Stress am Arbeitsplatz Schlüsse für die optimale Kommunikationsstrategie gegenüber Mitarbeitenden und Betrieben zu ziehen.
  • Förderung der Bewegung am Arbeitsplatz: Progrès hat den Wettbewerb «Bewegung ist möglich» lanciert und 2009 vier Preisträger am Nationalen Diskussionsforum über berufsassoziierte Gesundheitsstörungen ausgezeichnet. Wichtige Erfolgsfaktoren für Bewegungsprogramme sind eine klare Analyse und Zielsetzung, der Einbezug und die Vorbildfunktion des Kaders, der Einbezug der Mitarbeitenden in die Planung und Durchführung, das regelmässige Einfügen der Bewegung in den täglichen Arbeitsablauf, ein vernünftiges Aufwand-Nutzen-Verhältnis, das Führen eines Wirkungsnachweises sowie die Nachhaltigkeit des Programms. Weitere Erfolgsfaktoren sind der Einsatz von Multiplikatoren, die Freiwilligkeit und das Erreichen einer Resonanz bei den Mitarbeitenden durch eine überzeugende Motivation, bei Übungen am Arbeitsplatz eine Balance von verschiedenen Ansatzpunkten wie Lockerung, Entspannung, Kraft und Koordination sowie die Wirkung auf die Freizeit und die Angehörigen.
  • Fachtagungen der Abteilung Arbeitsmedizin der Suva über BAGS. Themen in den Jahren 2006 bis 2012: BAGS, Arbeit und Herz-Kreislauf, lumbale Rückenschmerzen, Arbeit und Bewegung, Arbeitsplatz und Stress, muskulo-skelettale Probleme, Arbeit und Alter.
 

Nationales Diskussionsforum über berufsassoziierte Gesundheitsstörungen

Wie bereits erwähnt, führt Progrès jährlich ein Nationales Diskussionsforum über berufsassoziierte Gesundheitsstörungen durch. An diesen Foren geht es darum, ausgewählte Themenkreise der BAGS zusammen mit Sozialpartnern, Vertreter von Fachgesellschaften und anderen Interessierten zu analysieren und Lösungsansätze für die Prävention zu diskutieren.

Die Zusammenfassungen der bereits stattgefundenen Foren finden Sie hier: