Fehler sind keine Option

«Ich hatte den schönsten Arbeitsplatz der Welt», schwärmt Claude Nicollier. Als Linien- und Militärpilot sowie als Astronaut hat er viele risikoreiche Aufgaben erfolgreich gelöst. Seine Erfahrungen aus Extremsituationen machten aus ihm einen Experten für Risikomanagement und verhaltensorientierte Sicherheit.

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Als Fan der Abenteuer von Buck Danny und der Erzählungen von Antoine de Saint-Exupéry war Claude Nicollier schon immer von der Aviatik fasziniert. Mit 22 absolvierte er an Bord einer Venom erste Flugstunden, dann folgten Flüge mit Hunter und Tiger. Dies lehrte ihn die Bedeutung von Disziplin, Genauigkeit, Vorbereitung und Training. «Damals flog man ohne GPS. Ein Bodenziel mit über 800 km/h bei schlechtem Wetter zu treffen, erforderte eine genaue Vorbereitung. Man musst das Gelände und natürlich auch die Maschine gut kennen», erzählt der Pilot mit über 6500 Flugstunden und 1000 Stunden Weltraumerfahrung. «Meine Ausbildung als Pilot war die ideale Lehre für meinen Beruf als Astronaut.»

Auf das Schlimmste gefasst

Bevor er das Weltraumteleskop Hubble 1999 zum ersten Mal anfasste, durchlief der Astronaut eine mehrjährige Ausbildung. Vor dem Start musste er das Raumschiff beherrschen und vor der Reparatur des Teleskops dessen Struktur, Öffnungsmechanismen und Arbeitsprozesse im Detail kennenlernen.

«Hubble hat etwas Magisches an sich. Es ist mehr als nur ein aus Einzelteilen zusammengebautes Ganzes!» Vor jeder Mission trainierte und wiederholte der Spezialist während Monaten jeden Handgriff. Immer wieder auch unter überraschenden Verhältnissen, denn die Instruktoren streuten ab und zu Pannenszenarien oder unplanmässige Ereignisse ein. «Als ich einmal unter Wasser eine Reparatur vornahm», erinnert er sich, «erhielt ich die Meldung, mein Mannschaftskollege, Michael Foale, habe das Bewusstsein verloren. Ich eilte ihm sofort zu Hilfe, musste aber vorher alle Werkzeuge fixieren, damit sie nicht verloren gingen, und mich selber sichern.» Der Raumanzug, die Handschuhe, die schlechten Sichtverhältnisse, die Schwerelosigkeit und die zahlreichen Fixierungen erschwerten sowohl im Schwimmbad als auch im Weltraum jedes Vorhaben.


Das Ziel war immer, unsere Mission zu erfüllen, und zwar unfallfrei.

Claude Nicollier

Risiken maximal reduzieren

In 600 km Entfernung lauern viele und unvorhersehbare Risiken. Wer im All unterwegs ist, muss technisch, mental und körperlich vorbereitet sein. Zur Verbesserung der Erfolgschancen werden die Ziele nach Priorität geordnet, sodass im Ernstfall das Wichtigste zuerst erreicht wird. Das Vorgehen ist auf Checklisten festgehalten, damit unter Stress auch nichts vergessen wird. Jedes System funktioniert zwei- oder mehrfach: die Computer, die Brennstoffzellen, die Sauerstoff- und Wasserstoffvorräte. Auch die Teammitglieder müssen sich bei Problemen gegenseitig ersetzen können. „Jeder respektiert aber die Verantwortlichkeit des anderen und vertraut ihm“, präzisiert Claude Nicollier. Ausserhalb des Raumschifft werden wichtige Arbeiten zu zweit ausgeführt, um die Handhabung der Sicherungsleinen und die Kontrolle der Prozesse zu gewährleisten. Trotz der eingesetzten Milliarden und dem grossen Erfolgsdruck steht die Sicherheit aller Beteiligten stets im Vordergrund.

Gegenseitiges Vertrauen

Dort oben kamen wir auf 12 Arbeitsstunden pro Tag. Der Druck war enorm. Wegen der schwerfälligen Raumanzüge und Handschuhe wurden vor allem die Unterarme und die Hände stark beansprucht. Jeder Fehler hätte sich verhängnisvoll auswirken können“, erklärt der Astronaut, der jedoch zugibt, dass die Mannschaft durchaus einige kleine Fehler begangen hat. Diese wurden in einem Debriefing behandelt, ohne dass sich jemand angegriffen gefühlt hätte. Claude Nicollier kann sich nicht an einen Konflikt erinnern, auch wenn nicht immer alle einverstanden waren. In solchen Fällen wurde ein Konsens gesucht. Das Vertrauen in die anderen und in sich selbst ist Voraussetzung für eine funktionierende Teamarbeit. Bei Tätigkeiten ausserhalb des Raumschiffs meldete die Bodenkontrolle einmal einen Anstieg der Kohlstoffdioxidkonzentration in seinem Raumanzug. „Ich bemerkte jedoch keines der Symptome, die ich im Training anlässlich von Tests verspürt hatte. Deshalb vertraute ich auf meine Wahrnehmung und arbeitete weiter.“ Zu Recht, denn schliesslich stellte sich heraus, dass ein Sensor defekt war. Im Weltraum sind Fehler keine Option. Dies gilt auch hier unten auf der Erde, in unseren Fabriken, Werkstätten und an den übrigen Arbeitsplätzen. Eine sorgfältige und vollständige Vorbereitung reduziert die Risiken, trägt zu vermehrter Ausgeglichenheit und damit zu besseren Erfolgsaussichten bei. „Das Ziel war immer, unsere Mission zu erfüllen, und zwar unfallfrei. Dies ist uns – Gott sei Dank – auch stets gelungen!“, ergänzt er lächelnd.