«Die Suva hat noch lange eine Existenzberechtigung»

Daniel Ammann*,

Die Digitalisierung verändert unser Leben und unsere Arbeit radikal. Immer mehr Menschen sind in Dienstleistungsberufen tätig. Berufsunfälle gehen zurück, Freizeitunfälle nehmen zu. Wie reagiert die Suva auf diese Megatrends? Braucht es sie nach 100 Jahren überhaupt noch? Ein Blick zurück und ein Blick nach vorne von Markus Dürr, Suva-Ratspräsident, und Felix Weber, Vorsitzender der Geschäftsleitung.

Felix Weber, Markus Dürr, Gespräch, CEO, SRP, Ratspräsident, Vorsitzender der Geschäftsleitung, Geschäftsbericht, Kurzbericht

Felix Weber, Vorsitzender der Geschäftsleitung und Markus Dürr, Suva-Ratspräsident im Gespräch.

Herr Dürr, Herr Weber, was war im Jahr 2016 für die Suva besonders erfreulich?

Markus Dürr: Was mich speziell freut: Die Suva kann einen guten Abschluss   vorweisen – entgegen der schwierigen Lage am Kapitalmarkt und trotz der Negativzinsen, die auch uns behindern. Wir haben genügend Reserven und könnten in den nächsten Jahren auch gröbere Verwerfungen überstehen, falls es zu solchen kommen würde. Die Suva ist in jeder Hinsicht absolut risikofähig. Und was mich als Suva-Ratspräsidenten hauptsächlich interessiert: Die neue Geschäftsleitung, die nun seit anderthalb Jahren im Amt ist, hat sich gefunden und leistet sehr gute Arbeit.

Felix Weber: Besonders erfreulich ist sicher die Performance von 4,1 Prozent   auf unserem Anlagevermögen. Auch auf der Schadenseite konnten wir unsere Erwartungen erfüllen. Wir registrierten erneut weniger Berufsunfälle und tiefere Heilkosten pro Fall  . Und unsere Kunden sind, wie eine aktuelle Befragung zeigt, sehr zufrieden mit unserer Arbeit. Von der operativen Seite erfreulich: Der Verwaltungsrat hat unsere neue Strategie abgesegnet.

Die Anlageperformance der Suva ist im Vergleich zum Beispiel mit dem Pensionskassen-Index regelmässig sehr hoch. Wie schaffen Sie das?

Weber: Wir sind breit diversifiziert und haben eine langfristige Anlagestrategie. Unsere 48 Milliarden Franken Anlagevermögen bewirtschaften wir zweckgebunden, hauptsächlich um die Renten unserer Versicherten langfristig zu sichern. Dabei schauen wir zum Beispiel, dass wir die laufenden Zahlungen mit den laufenden Prämieneinnahmen begleichen können. So besteht kaum die Gefahr, Anlagen zur Unzeit verkaufen zu müssen, und wir können auch antizyklisch agieren und bei tiefen Preisen zukaufen. Auf diese Weise können wir eine etwas risikoreichere Strategie fahren als
andere Versicherungen.

Dürr: Wir haben eine sehr gute Equipe, die die Anlagen verwaltet und ihre Ideen schnell umsetzen kann. Da herrscht ein guter Geist.

Weber: Was uns allerdings viel kostet, ist das Hedging, die Absicherung unserer Anlagen in Fremdwährungen. Mit der Einführung der Negativzinsen sind diese Kosten erheblich gestiegen. Bei den ohnehin schon tiefen Ertragserwartungen fällt dies besonders ins Gewicht. Dennoch ist es absolut sinnvoll, die Währungsrisiken weiterhin abzusichern.

Die Suva spielt für den Arbeitsfrieden in der Schweiz eine wichtige Rolle.

Markus Dürr

Ein Megatrend, der die Suva direkt betrifft: Die Schweiz entwickelt sich immer stärker zu einer Dienstleistungsgesellschaft, die Zahl der Berufe im industriellen Sektor geht zurück, der Markt der Suva schrumpft.

Dürr: So ist es. Die Suva steckt in einem strategischen Dilemma.

Weber: Die Revision des Unfallversicherungsgesetzes (UVG), die Anfang Jahr in Kraft getreten ist, lässt uns kaum strategische Optionen, um diese Schrumpfung des zweiten Sektors zu kompensieren. Wir können ja nicht plötzlich Sachgüter verkaufen oder unsere Dienste in einem anderen Land anbieten. Das Gesetz definiert klar, welche Branchen bei uns versichert sind. Wir müssen in einem engen Korsett agieren. In diesem strategischen Dilemma bleiben wir bis zur nächsten UVG-Revision gefangen.

Dürr: Wir haben zehn Jahre auf diese UVG-Revision gewartet. Es wäre sinnvoll gewesen, wenn die Suva für alle Betriebe des Gesundheitswesens zuständig gewesen wäre. Das Parlament hat leider anders entschieden. Offenbar kann man nicht daran rütteln, welche Branchen bei der Suva versichert sein dürfen. Aber wenigstens haben wir jetzt Planungssicherheit. Und mit dieser Sicherheit konnten wir auch die neue Strategie angehen.

Was sind die wichtigsten Elemente dieser Strategie?

Dürr: Wir reagieren damit auf die Megatrends, wie Sie das vorhin genannt haben: auf den schrumpfenden Marktanteil, auf die tiefen Zinsen und die Negativzinsen, auf die Digitalisierung, auf die zunehmenden Freizeitunfälle. Einfach ausgedrückt: Wir schauen auch, wo wir vielleicht einen zu grossen Apparat aufgebaut haben.

Weber: Die Digitalisierung ist da auch eine Chance, um zum Beispiel die Schadenabwicklung effizienter zu gestalten. Bisher haben wir punktuell digitalisiert. Künftig müssen wir unser Geschäftsmodell beziehungsweise einzelne Prozesse davon ganz neu digital denken. Mit der neuen Strategie «avance» geht es uns zudem auch darum, unsere Karte «Einzigartigkeit» auszuspielen: Nur wir bieten gleichzeitig Prävention, Versicherung und Rehabilitation aus einer Hand und aufeinander abgestimmt an. 

Der Anteil der Berufsunfälle nimmt seit Jahren ab, die Freizeitunfälle nehmen dagegen zu. Was heisst das für Sie, den grössten Unfallversicherer?

Weber: Wir müssen in Zukunft die ganzheitliche Prävention noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Das heisst für uns: Wir schauen nicht mehr nur schwergewichtig den Berufsunfall an, sondern auch den Nichtberufsunfall. Wir möchten künftig Unternehmen bei einem betrieblichen Gesundheitsmanagement unterstützen, das geht von Präventionsmodulen   bis zum Absenzenmanagement  . Das ist ja eine der Nebentätigkeiten, die wir mit dem neuen Unfallversicherungsgesetz anbieten dürfen.

Dürr: Der Anteil der Berufsunfälle nimmt natürlich auch dank den Bemühungen der Suva ab. Bei unseren Präventionsprogrammen   arbeiten wir intensiv mit den versicherten Branchen und Unternehmen zusammen.

Weber: Wir arbeiten daran, gerade auch mit den Lehrlingen  , dass diese Sicherheitskultur, die wir in den Betrieben entwickeln, auch nachhallt, wenn jemand zu Hause die Bohrmaschine in die Hand nimmt oder in der Freizeit Sport treibt. Überspitzt formuliert: Wir hoffen schon, dass man sich dann fragt: Ist das jetzt wirklich gescheit, wenn ich die steile Strasse in Badehosen auf den Rollerblades herunterfahre?

Wir blicken auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2016 zurück. Trotz schwierigem Marktumfeld sind wir solide finanziert und alle langfristigen Verpflichtungen sind gesichert.

Zum Geschäftsbericht

Animationsfilm zum Geschäftsjahr 2016

Wir machen Arbeit und Freizeit sicher

Ende Jahr sorgte Ihr Entscheid für Schlagzeilen, bei der Missbrauchsbekämpfung vorerst auf den Einsatz von Detektiven zu verzichten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte befunden, dass die gesetzlichen Grundlagen dafür ungenügend seien. Wie geht es jetzt weiter?

Dürr: Wir hoffen, dass das Gesetz möglichst schnell angepasst wird. Das wollen alle. Es ist schlicht nicht nachvollziehbar, dass man ungestraft eine Sozialversicherung betrügen kann.

Weber: Die Suva hat dem Bundesamt für Sozialversicherungen einen Vorschlag   zur Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für den Einsatz von Versicherungsdetektiven unterbreitet. Man muss aber auch die Relationen sehen: Wir bearbeiteten im vergangenen Jahr 950 Verdachtsfälle und führten neun Detektiveinsätze durch. Das zeigt: Wenn unsere Leute vorbeigehen, dann nur, wenn alle anderen Abklärungen keinen definitiven Beweis erbrachten. Ihr Einsatz ist eine Ultima Ratio.

Lohnt sich der Kampf gegen den Versicherungsmissbrauch finanziell überhaupt?

Weber: Der Kampf lohnt sich sowohl materiell als auch immateriell. Die Leute müssen wissen: Die Suva schaut genau hin  , das wirkt präventiv und gibt ihnen Gewissheit, dass ihre Prämiengelder nicht missbräuchlich eingesetzt werden. Wir beschäftigen momentan 13 Leute, die den Verdachtsfällen nachgehen. Bei etwa vier von zehn untersuchten Fällen ist etwas dran. So konnten wir im Jahr 2016 rund 18 Millionen Franken einsparen. Wir wissen auch aufgrund der Feedbacks unserer Kunden und der Diskussionen in den Sozialen Medien, dass es gesellschaftlich hoch anerkannt ist, dass gegen Versicherungsmissbrauch vorgegangen wird.

Die Suva wird nächstes Jahr 100 Jahre alt. Sie haben vorhin das strategische Dilemma mit schrumpfendem Marktanteil skizziert. Provokativ gefragt: Wie lange hat die Suva noch eine Existenzberechtigung?

Dürr: Das Modell Suva ist sehr erfolgreich und hat noch lange eine Existenzberechtigung. Es schützt die Arbeitnehmer – und auch die Arbeitgeber wollen keine Unfälle in ihren Betrieben, da diese mit Leid und hohen Kosten verbunden sind. Der für die Schweiz so wichtige Arbeitsfrieden hängt wesentlich davon ab, dass die Linken und die Rechten miteinander sprechen und sich persönlich kennen. Hier spielt die Suva eine wichtige Rolle. Sie gehört letztlich den Versicherten, also den Sozialpartnern, die sich im Verwaltungsrat paritätisch die Anzahl Sitze teilen.

Weber: Damit wir auch in Zukunft erfolgreich sind, müssen wir rechtzeitig die Herausforderungen erkennen, die neu auf uns zukommen. Viele Präventionsthemen werden in zehn Jahren völlig anders sein als heute; denken Sie nur an selbstfahrende Autos oder an die Automatisierung in den Betrieben. Wir müssen uns mit unserem Modell aus Prävention, Versicherung und Rehabilitation immer wieder auf neue Risiken ausrichten.

Wir müssen einzelne Prozesse ganz neu und digital denken.

Felix Weber

Daniel Ammann ist langjähriger Journalist und Buchautor. Er leitete unter anderem das Wirtschaftsressort der «Weltwoche». Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Heute ist er Partner der Kommunikationsagentur Ammann, Brunner & Krobath AG in Zürich.