Vom Kampf zurück ins Leben

Nadia Gendre,

Aus militärischen und humanitären Einsätzen war Marc Rousseau stets unbeschadet heimgekehrt. Als er aber an seinem Arbeitsplatz einen schweren Unfall erleidet, ist er dem Tod plötzlich näher als dem Leben.

Marc Rousseau, Flughafen Genf Cointrin, Unfallopfer

Marc Rousseau ist ein grosser Fan der Luftfahrt.

Am 3. Januar 2018 – fast drei Jahre nach seinem Unfall – kann Marc Rousseau in seine Tätigkeit als Sicherheitsbotschafter beim Flughafen Genf zurückkehren. «Es ist seltsam, wieder auf dem Rollfeld zu sein, nachdem ich hier beinahe mein Leben verloren habe.» Am 1. August 2015 füllt Marc Rousseau, damals Schichtleiter bei dnata Switzerland AG auf dem Rollfeld Abfertigungsdokumente aus – den Gehörschutz vorschriftmässig montiert –, als er von einem Container-Transporter angefahren wird. Durch den Aufprall werden ihm beide Beine zertrümmert. Die Flughafenfeuerwehr kümmert sich schnellstens um ihn, und er wird mit dem Helikopter in die Genfer Universitätsklinik geflogen. Er verliert eine grosse Menge Blut und entkommt dem Tod in der Folge mehrmals nur knapp. «Offenbar war meine Aufgabe auf Erden noch nicht zu Ende.»

Guillaume Crozier, Operativer Leiter bei dnata Switzerland AG, arbeitet an ebendiesem Tag auch auf dem Rollfeld, für die Gepäckabfertigung. Er tut dies von Zeit zu Zeit, um nahe bei seinen Jungs zu sein, und um ihre Probleme bezüglich Sicherheit zu verstehen. «Ich war bei Marcs Rettung durch die Feuerwehr dabei. Dieser Vorfall hat uns alle gezeichnet. Ihn so zu sehen … Wir haben an diesem Tag viel gelernt. Ich habe bei den Unfalluntersuchungen mitgeholfen (Polizei, Suva und dnata Global). Es war für mich wichtig, zu verstehen, was geschehen war.»

Ritt durch die Hölle

Koma, Intensivstation, 19 Operationen in Folge zur Rettung seiner Beine, extreme Schmerzen wegen Undurchführbarkeit verschiedener Anästhesien: Marc Rousseau geht durch die Hölle. Mehrmals entgeht er nur um Haaresbreite einer Amputation und die Komplikationen häufen sich: Ein Schlaganfall führt zeitweise zu einer halbseitigen Lähmung, und eine schwere Infektion zerstört den Grossteil der Haut an seinem Bein – die Wunde muss mithilfe einer Hauttransplantation geschlossen werden. Und als ob dies nicht schon genug wäre, drohen schlussendlich auch noch seine Nieren aufgrund der hohen Dosen Antibiotika zu versagen; er bleibt nur knapp von einer Dialyse verschont.

Marc Rousseau, Unfall, Reha, CRR

19 Operationen zur Rettung seiner Beine musste Marc Rousseau über sich ergehen lassen.

Jedes Mal renkten sich die Dinge am Ende wieder ein, ein bisschen, wie wenn Schutzengel über mich gewacht hätten.

Marc Rousseau – Überlebender eines schlimmen Arbeitsunfalls

Ängste überwinden

Drei Monate nach seinem Unfall wird Marc Rousseau in die CRR (Clinique romande de réadaption), die Rehaklinik in Sitten verlegt, wo er auf einer Bahre ankommt. Zwei Nägel halten seine Schienbeine zusammen und die wenigen Knochenreste in seinen Beinen. «Niemand wusste, ob ich wieder gehen lernen würde …» Trotz allem und dank all den Behandlungen schaffte er es, wieder auf die Beine zu kommen. Jedoch ist sein Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Er entwickelt eine so grosse Angst zu fallen oder umgestossen zu werden, dass er sich schliesslich nicht mehr aus dem Rollstuhl traut. «Ich hatte dermassen Angst, meine Beine zu verlieren.»

Glücklicherweise gelingt es dem Team von Dr. François Lüthi, ihm nach und nach sein Vertrauen zurückzugeben. Der unerschütterliche Zusammenhalt zwischen den Pflegenden und dem Patienten fördert seine Genesung. Ebenso hilft ihm der Umstand, dass er von anderen Unfallopfern – mit zwar unterschiedlichen aber wie auch er mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen – umgeben ist.

Marc Rousseau, Unfall, Reha, CRR

«Wir erzählten einander von unserem Leben, wir ermutigten uns gegenseitig dazu, trotz unseren Beeinträchtigungen nach vorne zu schauen. Gemeinsam haben wir gelernt, über unsere physischen und psychischen Grenzen hinauszuwachsen.» Nach und nach überwindet er seine Angst – und vor allem seine Wut. Denn ein paar Monate nach seinem Unfall hat er erfahren, dass der schuldige Kollege unter Einfluss von Betäubungsmitteln gestanden und dass man ihm zuvor schon einmal mit Führerscheinentzug gedroht hatte. «Es ist nicht leicht, wegen sowas mit einem verstümmelten Körper und einem komplett aus den Fugen geratenen Leben dazustehen!»

In Kontakt bleiben

«Mein Aufenthalt in der Rehaklinik hat mehr als eineinhalb Jahre gedauert.» Aber für ihn kommt es nicht infrage, den Kontakt zur Arbeitswelt abzubrechen. Seine Vorgesetzten erkundigen sich regelmässig nach seinem Befinden. «Ich habe sogar eine E-Mail von der Geschäftsleitung von dnata Global und von dnata Europe bekommen», erzählt er mit glänzenden Augen. Seine Kollegen legen zusammen und schenken ihm ein iPad mit darauf gespeicherten persönlichen Nachrichten und gefilmten Genesungswünschen. «All diese Aufmerksamkeit hat mich extrem berührt!» Er teilt seinerseits Fotos auf dem internen sozialen Netzwerk des Unternehmens. Dieser Austausch hilft ihm, nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren, denn seine Verletzungen sind manchmal äusserst schmerzhaft und untergraben seine Moral.

«Die Unterstützung meiner Frau, meiner Kollegen und Vorgesetzten hat mir wirklich geholfen durchzuhalten. Genauso die ermunternden Worte des Pflegepersonals der Rehaklinik. Mein Unfall muss einen Sinn haben …» Sein Arbeitgeber, dnata, ist gleicher Meinung und schafft ihm einen massgeschneiderten Job: Sicherheitsbotschafter. «Ich denke, die Zeit war reif für diese Entscheidung vonseiten der Geschäftsleitung», freut sich Guillaume Crozier. Marc Rousseaus Geschichte ist ein Lehrstück bezüglich Prävention und ein wunderbares Beispiel für eine gelungene Rückkehr in die Arbeitswelt. Marc Rousseau kehrt von so weit zurück: Was er an Lehren mitbringt, ist immens.

Die Wiedereingliederung ist ein Schlüsselanliegen der Suva.

Wiedereingliederung und berufliche Reintegration

Wenn man ihn danach fragt, gibt er die Kosten seines Unfalls auf den Rappen genau an, denn er hat alle Rechnungsbeträge addiert. Aber im gleichen Atemzug erzählt er auch vom Wert des Lebens und wie wichtig ihm die Personen sind, die ihn unterstützt haben. «Ohne Sandrine, die seit 25 Jahren meine Partnerin ist, wäre ich nicht mehr da. Ihre Geduld, ihr Wohlwollen, ihre positive Einstellung und auch ihre Berufserfahrung als Krankenschwester waren sehr wertvoll für mich. Übrigens haben wir beschlossen zu heiraten. Auf der Arbeit kommen viele Leute, die ich nicht kenne, zu mir, um mir die Hand zu schütteln. Ich freue mich wie ein Kind, wieder auf der Rollbahn zu sein. Aber: Pst! Hören Sie das? Das ist die Boeing 777-300ER von Emirates, die landet … Hören Sie? Die macht fast keinen Lärm… Das ist einfach unglaublich!»