Können Sie lesen und schreiben?

Martin Lüthi,

800 000 erwachsene Schweizerinnen und Schweizer haben Mühe mit Lesen und Schreiben. Der Weltalphabetisierungstag erinnert daran. Wie geht die Suva mit diesem Thema um?

Analphabetismus gibt es auch hierzulande. Rund 800 000 erwachsene Schweizerinnen und Schweizer können nicht recht lesen oder schreiben  . Sie haben diese Fähigkeiten entweder nie gelernt oder wieder verlernt. Oder es handelt sich um «funktionale Analphabeten», deren Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausreichen, um den gesellschaftlichen Anforderungen zu genügen.

Martin Lüthi, LUM, Redaktor KMU
Martin Lüthi, Redaktor bei der Suva

Eine Begegnung mit zwei Illetristen

Menschen mit einer Leseschwäche wollen von der Gesellschaft akzeptiert werden. Wer versteht, um was es geht, kann mitreden und handeln. An einer Weiterbildung in «leichter Sprache» konnte ich als Redaktor der Suva live dabei sein, als Menschen mit einer schweren Lesebeeinträchtigung versuchten, eine von mir in leichter Sprache getextete Webseite zu verstehen.

Zuerst reagierte ich betroffen. Ich sah zwei Erwachsene, die wie Erstklässler versuchten, den Inhalt zu verstehen. Dabei ging mir die Redensart durch den Kopf: «Wie sag’ ich’s meinem Kinde». Ohne despektierlich zu sein, ist genau das der Punkt. Mir wurde in diesem Moment einiges bewusst. Ich sagte mir, du musst den Text stark reduzieren. Die Kernbotschaften anders verpacken und mehr Bildsprache einsetzen. Der Stil muss dem der mündlichen Sprache entsprechen. So wird der Inhalt am «leichtesten» aufgenommen.

In einem Gespräch mit den Testpersonen konnte ich anschliessend feststellen, dass der mündliche Austausch funktioniert und sie durchaus verstehen, ihr Leben trotz Leseschwäche zu organisieren.

Eine Leseschwäche hat also nichts mit Geistesarmut zu tun. Wir haben alle irgendwo Schwächen. Deshalb braucht es eben Unterstützung.

Kleine Schritte führen zum Ziel

Weil die leichte Sprache nicht einfach zu schreiben ist und Menschen mit eingeschränkten Sprachkenntnissen oder einer Leseschwäche nicht «uniform» behandelt werden können, versuchen wir Redaktoren uns bei der Textkreation mit dem Leser zu identifizieren und ihn in seiner Sprache abzuholen.

Lesen Sie diese Präventionsseite  . Wir haben bewusst kurze Sätze und einfache Wörter gewählt.

Es ist ein Anfang. Und es bleibt viel zu tun. Aber wir bleiben dran.

Eine Leseschwäche soll keine Barriere sein

Bei der Suva setzen wir die leichte Sprache gezielt für Menschen mit einer Leseschwäche oder eingeschränkten Sprachkenntnissen ein. Das kann für eine spezifische Branche oder Zielgruppe sein. Dabei achten wir generell auf einfache, kurz formulierte Sätze und einem Wortschatz, der sich an der mündlichen Sprache orientiert. Fremdwörter oder Fragen gehören nicht zur leichten Sprache. Übrigens auch das Wort «nicht» sollte nicht zu oft verwendet werden.

Da die leichte Sprache «Dinge» beschreibt, werden die Texte tendenziell länger. Deshalb achten wir auf die Textgliederung, die Schriftgrösse und Portionierung der Inhalte. – Wenn das Layout anspricht, wird auch der Inhalt gelesen. Keine Bleiwüste. Wir setzen Bilder, Erklärvideos, Illustrationen und leicht verständliche Grafiken ein.

Ziel: Der Leser muss sich nicht auf das Lesen konzentrieren, sondern den Inhalt aufnehmen. Das ist gerade in der Prävention sehr wichtig. Nur wer versteht, wo Gefahren lauern, kann handeln und sich davor schützen.

Weitere Informationen finden Sie auf lesen-schreiben-schweiz.ch