Durch Stromschlag beide Arme verloren

Von Christian Berner (Film) und Simone Isermann (Text),

Ohne Arme und trotzdem den Lebensmut nicht aufgegeben. Die bewegende Geschichte von Christoph R.

«Ob ich nochmals die Kraft hätte, das zu überstehen, weiss ich nicht»

Die beeindruckende Geschichte von Christoph R.

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Oktober 2012, auf den Bahngeleisen der SBB beim Bahnhof Zofingen. Es regnet. Nicht gerade das Wetter, das man sich als Gleisarbeiter wünscht. Aber man ist sich ja einiges gewohnt. Christoph R. arbeitet als Maschinist auf seiner Gleisbaumaschine, als ein technischer Defekt auftritt. Das Förderband auf dem Maschinendach ist mit Schotter verstopft und muss gereinigt werden. Das Stellwerk wird angerufen, damit der Strom auf der Leitung abgestellt wird. Christoph R. und seine Kollegen klettern auf das Dach der Maschine, um den Schaden zu beheben.

In diesem Moment nimmt das Unglück seinen Lauf: Es gibt einen lauten Knall, die Szenerie rund um die Gleisbaumaschine wird in ein grelles Licht getaucht. Ein Lichtbogen erfasst den Arm von Christoph R. 15 000 Volt schiessen durch seinen Körper, und treten am Fuss wieder aus. Die Temperaturen sind mörderisch: 3000 Grad an der Eintrittsstelle. Christoph R. wird aus einer Höhe von 3.5 Meter von der Gleisbaumaschine auf den Boden geschleudert.

Wie konnte das passieren? Ein Missverständnis führt dazu, dass der Strom zwar abgeschaltet wird, aber nicht auf dem Abschnitt wo die Maschine steht. So steht es in den Unfallakten.

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Die meisten Menschen überleben einen Stromschlag dieser Stärke nicht

Dass er schwer verletzt ist, realisiert Christoph R. in diesem Moment nicht. Auch nicht, dass die meisten Menschen einen Stromschlag dieser Stärke nicht überleben. Er erinnert sich an den Arbeitskollegen, der auf ihm lag und ihn zu Boden drückte, weil er unbedingt weiterarbeiten wollte. Und an die Standardfragen im Rettungswagen: «Wie heissen Sie?» und «Welcher Tag ist heute?» Er wird zuerst ins Spital Aarau gebracht und kurz darauf in die Intensivstation für Schwerbrandverletzte des Unispitals Zürich verlegt. Dort blieb er drei Monate. In dieser Zeit mussten ihm aufgrund des Schweregrads der Verbrennungen schrittweise beide Arme amputiert werden.

Es folgte eine schwierige und schmerzhafte Zeit. «Ob ich nochmals die Kraft hätte, das zu überstehen, weiss ich nicht», sagt Christoph R. Eine grosse Stütze waren in dieser schweren Zeit seine beiden Brüder, sein bester Freund und seine Familie, die ihn täglich im Spital auf der Intensivstation besuchten. «Ohne sie hätte ich das nicht geschafft», ist Christoph R. überzeugt.

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Lieber ohne Prothese

Nach dem Spital kam Christoph R. in die Rehaklinik Bellikon der Suva. Die Klinik Bellikon ist in der Rehabilitation von Unfallpatienten sowie auf die berufliche Wiedereingliederung spezialisiert. Über ein Jahr verbrachte er in Bellikon und lernte Schritt für Schritt, wie er sein Leben auch ohne Arme meistern kann. «Ich hatte ein Riesenglück, dass ich nach Bellikon kam», sagt er. «Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Das lag auch daran, dass sich alle Mitarbeitenden, sei es von der Pflege, der Orthopädie oder der Ergotherapie, gut in mich hineindenken konnten und mich rundum bestens betreut haben. Dafür bin ich sehr dankbar».

Fast ein Jahr übte Christoph R. jeden Tag, wie er ohne Hände und Arme in einer eigenen Wohnung leben kann. Dafür mussten einige Veränderungen in der Wohnung stattfinden. So musste beispielsweise eine Türöffnung installiert werden, die sich ohne Hände oder Arme bedienen lässt. Tägliche Unterstützung erhält er von der Spitex, die ihm bei der Körperpflege hilft und ihm Dinge für den Tag vorbereitet. Denn: Ohne Arme und Hände wird Selbstverständliches wie Essen oder Trinken, zu einer grossen Herausforderung. Oft wird Christoph R. gefragt, warum er keine Prothesen nutzt. «Auch wenn es manchmal einfacher wäre, die Prothese ist ein Fremdkörper für mich», erklärt Christoph R. «Ohne Prothese fühle ich mich einfach wohler».

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Umschulung zum technischen Kauffmann

Aber nicht nur im Privatleben, sondern auch im Berufsleben wollte Christoph R. wieder Fuss fassen. Seinen ursprünglichen Beruf als Maschinist konnte er nicht mehr ausüben. Er liess sich deshalb zum technischen Kauffmann umschulen. Heute arbeitet Christoph R. in einem Büro eines Produzenten für orthopädische Instrumente und Implantate. Dass er wieder arbeiten kann, ist für ihn persönlich sehr wichtig. Anfangs plagten ihn Zukunftsängste und er wusste nicht, ob er es wieder zurück ins Berufsleben schaffen würde. «Der eigene Lebensunterhalt ist für mich sehr wichtig», betont Christoph R.

Eine wichtige Rolle bei der beruflichen Wiedereingliederung spielten auch die Mitarbeitenden der Suva-Agentur in Winterthur. Laut Bruno Canonica, Teamleiter und Case Manager bei der Suva Winterthur, war dies eine grosse Herausforderung. «Wir konnten uns zuerst nicht vorstellen, wie ein Mensch ohne Arme auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle findet. Aber Christoph R. war sehr motiviert und glücklicherweise konnten wir einen Arbeitgeber mit sozialem Engagement finden».

Christoph R. Rückert, Wiedereingliederun

Chtistoph R. bei der Arbeit. Er bedient den PC mit Fusspedalen und schreibt mit einem Eingabestift im Mund.

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«Ich bin ein positiver Mensch»

Christoph R. ist heute beruflich und privat wieder zurück im Leben. Eine gewisse Zeit lang wäre er nicht traurig gewesen, wenn er nicht überlebt hätte, sagt er. Jetzt aber könne er mit dem Unfall abschliessen und finde sein Leben auch ohne Arme lebenswert. «Ich habe mich an meine Lebenssituation gewöhnt und gelernt, wieder die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. «Ich bin ein positiver Mensch und kann auch so wieder lachen». Seine grösste Freude ist, dass er auch ohne Arme wieder Auto fahren kann. «Das macht mich glücklich, denn es bedeutet Freiheit, Flexibilität und Unabhängigkeit für mich».

Christoph R. Rückert, Wiedereingliederun

Autofahren ohne Arme am Steuer? Dies ist in der Schweiz nur in Ausnahmefällen erlaubt. Christoph R. steuert sein Auto mit seinen Füssen.

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