«Nach 20 Jahren Lärmbelastung ist das Tal erreicht»

Regula Müller, Patrick Kirchhofer,

Claudia Pletscher, Chefärztin Arbeitsmedizin bei der Suva, erklärt im Interview warum die Suva neue Audiomobile bauen liess und warum seit 2017 nur noch Personen bis zum 40. Lebensjahr untersucht werden.

Gehörschutz, Hören, Gehör, Audiomobil, Audiomobile

Das neue Audiomobil der Suva.

Warum musste die Suva neue Audiomobile bauen lassen?
Unsere Audiomobile waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. Was die Fahrzeuge betrifft, war der Unterhalt mittlerweile unverhältnismässig teuer. Teilweise fanden wir kaum noch Ersatzteile. Hinzu kam der hohe Treibstoffverbrauch. Bei den eigentlichen Audiometrie-Geräten war die ganze Technik veraltet und die eingebaute Informatik war ebenfalls am Lebensende und machte uns immer mehr Probleme. Bei jedem Update waren wir unsicher, ob danach noch alles funktioniert. 

Was ändert sich mit den neuen Mobilen für die Kunden?
Wir können den Hörtest jetzt mit eingesetztem Gehörschutz machen. So können wir kontrollieren und dem Arbeitnehmenden visuell darstellen, ob er den Schutz korrekt im Ohr eingesetzt hat. Denn nur wer ihn richtig trägt, ist tatsächlich geschützt.

Wer hat eigentlich Anrecht auf ein Untersuchung im Audiomobil?
Wer regelmässig einem Lärmpegel von über 85 Dezibel ausgesetzt ist, hat Anrecht auf eine Untersuchung im Audiomobil. Oder besser gesagt: Diese Arbeitnehmenden müssen zur Untersuchung kommen. Die Suva ist vom Gesetz her beauftragt, Betriebe mit bestimmten Risiken der arbeitsmedizinischen Vorsorge zu unterstellen. Ziel ist die Verhütung von Berufskrankheiten.  Dazu gehört auch die Vermeidung von Gehörschäden. Das Akustik-Team der Abteilung Gesundheitsschutz der Suva überprüft den Lärmpegel an den Arbeitsplätzen in den lärmbetroffenen Betrieben. Die Informationen über den Lärmpegel an bestimmten Arbeitsplätzen sind in den sogenannten Schallpegeltabellen enthalten und für den Arbeitgeber einsehbar.

Warum untersucht die Suva seit 2017 nur noch Personen bis zum 40. Lebensjahr? 
Eigentlich geht es nicht um das 40. Altersjahr. Es geht darum, in den ersten Berufsjahren einen Gehörschaden zu verhindern. Die Lärmschwerhörigkeit erreicht bereits in den ersten zehn Jahren der Exposition drei Viertel ihres Endwerts. Sie entwickelt sich rasch und verflacht dann über die Jahre, während der altersbedingte Hörverlust kontinuierlich zunimmt (siehe Grafik). Daher haben Arbeitnehmende in den ersten 20 Berufsjahren in einem lärmbetroffenen Betrieb Anrecht auf den Gehörtest. Ältere, aber neueintretende Arbeitnehmende bieten wir nach wie vor für den Test im Audiomobil auf.

Gehörschutz, Hören, Hörverlust, Statistik, Grafik, Audiomobile, Audiomobil

Grafik aus dem EKAS-Mitteilungsblatt   Nummer 85 von 2017

Das heisst, irgendwann ist es einfach zu spät für das Gehör?
Wir können den berufsbedingten Hörverlust beeinflussen aber nicht den altersbedingten. Für die Prävention bedeutet das, dass die Gehörvorsorgeuntersuchungen vor allem in den ersten Jahren der Lärmexposition sinnvoll sind. Später wird nur noch der unaufhaltsame Hörverlust des Alters registriert.

Welche Vorteile bringt diese Anpassung für den Kunden?
Durch diese Altersbegrenzung können wir häufiger bei den Betrieben sein, da wir weniger Leute untersuchen müssen. Das Untersuchungsintervall verkürzt sich von fünf auf drei Jahre. Wir erreichen so die jungen Arbeitnehmenden in kürzeren Abständen und können sie entsprechend sensibilisieren und informieren.

Manche Kunden sind wegen der Altersbegrenzung sehr irritiert. 
Das kann ich nachvollziehen. Es wird als Verlust empfunden, wenn man nicht mehr getestet wird. Vor allem, wenn man es über lange Zeit anders gewohnt war. Wir müssen erklären, dass nach 20 Jahren Lärmbelastung das Tal erreicht ist.
Denn unser Auftrag ist es, Berufskrankheiten zu verhindern. Wir müssen also schauen, wo das höchste Risiko ist und wo wir die grösste Wirkung erzielen können.

Kann die Suva den Kunden etwas anbieten, wenn diese ihre über 40-jährigen Mitarbeitenden dennoch testen lassen wollen?
Der Kunde kann das Modul «Gehörschutz-Check» bei uns auf der Webseite bestellen  . Mit dem Laptop und der mitgelieferten Software kann er den Gehörtest selber im Betrieb durchführen. Mit dem Modul lässt sich auch testen, ob die Mitarbeitenden den Gehörschutz richtig einsetzen. 

Wie sieht eine Untersuchung im Audiomobil konkret aus?
Bei der eigentlichen Untersuchung spielen wir dem Arbeitnehmenden über einen Kopfhörer Töne in verschiedenen Frequenzen ab, die er dann quittieren muss. Anhand dieser Daten erstellen wir eine Vergleichskurve zu früheren Untersuchungen oder zeigen auf, wo die Gehörleistung im Vergleich zu gleichalterigen liegt. 
Ausserdem zeigen wir im Audiomobil einen Erklärfilm zum Einsatz des Gehörschutzes und wir führen ein ausführliches Gespräch mit dem Arbeitnehmenden. Er muss uns auch zeigen, wie er den Gehörschutz einsetzt.

Erfährt der Betrieb die Ergebnisse des Tests?
Der Betrieb erhält eine Meldung, dass die Untersuchung stattfand und eine Zusammenfassung der Daten aller Untersuchten. Er bekommt aber keine medizinischen Daten von Einzelpersonen. Der Datenschutz ist immer gewährleistet. Denn letztlich geht es um den Schutz des einzelnen Arbeitnehmenden, nicht um die Suva oder den Chef.

Kann man sich als Betrieb selber zum Gehörtest melden?
Grundsätzlich wissen wir, in welchen Betrieben wir vorbeigehen müssen. Wenn aber ein Betrieb das Gefühl hat, bei ihm sei die Lärmbelastung hoch, zeigt ihm ein Blick auf die Schallpegeltabelle   seiner Branche, bei welchen Tätigkeiten in seiner Branche nach Erfahrung unserer Akustiker die Gehöruntersuchungen nötig sind. Er kann auch selber messen: Eine Mail an akustik@suva.ch genügt, und wir stellen ihm kostenlos ein präzises Schallmessgerät für zehn Tage zur Verfügung. 

3 Fakten zum Gehörschaden

  1. Wenn der Gehörschaden bemerkt wird, ist es schon zu spät. Der berufsbedingte Lärmschaden schränkt das Hören der hohen Töne ein. Kommt dann der altersbedingte Gehörverlust dazu, wird es zunehmend schwierig, beispielsweise einem Gesprächen in einer Runde zu folgen. 
  2. Am wirksamsten ist Lärmbekämpfung an der Quelle, etwa durch den Einsatz von leisen Elektrogeräten statt solchen mit Benzinmotor. Wenn technischer Lärmschutz nicht möglich ist, hilft der korrekt eingesetzte Gehörschutz.
  3. Wer Gehöreinbussen feststellt, soll sich möglichst rasch bei der Unfallversicherung melden. Diese klärt dann das weitere Vorgehen ab. 

So hört sich ein Gehörschaden an. 

So tragen Sie den Gehörschutz richtig.