Neues Leben nach dem Unfall

Charlotte Chanex,

Das Leben von Georges Morard verändert sich schlagartig, als er an seinem Arbeitsplatz einen Unfall erleidet. Die paar Sekunden Zeitgewinn am Ende eines Arbeitstages bezahlt er nun ein Leben lang.

"benefit" 4_21 Rubrik "Schwerpunkt", Georges Morard, lebenswichtige Regeln, Wiedereingliederung, Arbeitsunfall

Le Bry (FR), Freitag, 27. Oktober 2006, um 17.30 Uhr klingelt das Telefon. Georges Morard, Chef der Familien-Destillerie Paul Morard & Fils SA, wird zu einem Apéro eingeladen. Bevor er seinen Arbeitsplatz verlässt, lädt er eine letzte Kiste mit Äpfeln auf. In dieser Jahreszeit gibt es immer viel zu tun. Er besteigt seinen Gabelstapler, lädt in aller Eile die Palette mit 500 kg Äpfeln auf und fährt zum Container. «Da fiel ein Apfel auf den Boden. Trifft sich gut, dachte ich, denn ich hatte einen kleinen Hunger!», erzählt Georges. Als er sich jedoch bückt, um ihn aufzulesen, passiert das Unglück: Die Palette kippt und begräbt Georges Morard unter sich. Schnell ist Erste Hilfe zur Stelle. Einige Stunden später fällt das Verdikt: drei gebrochene Wirbel. Georges wird wahrscheinlich wieder gehen können, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Unfall statt Zeitgewinn

Um keine Zeit zu verlieren, unterliess Georges es, die Gabelzinken seines Staplers korrekt anzupassen, um die Last sicher transportieren zu können. «Ich habe an diesem Abend mindestens 10 Sekunden Arbeitszeit eingespart und werde dies bis ans Ende meiner Tage bezahlen», betont er. Er hielt verschiedene lebenswichtige Regeln nicht ein: Er befolgte die Vorschriften für den Gebrauch des Fahrzeugs nicht, sicherte die Ladung nicht und improvisierte stattdessen, um Zeit zu sparen. Diese Sicherheitsregeln können Leben bewahren: Sie zu befolgen, ist entscheidend, um gesund nach Hause zurückzukehren.

Neuanfang nach dem Unfall

Nach sechs Monaten Rehabilitation in Nottwil kehrt Georges im Rollstuhl nach Hause zurück. Gehen kann er nur mithilfe von Stöcken und lediglich kurze Distanzen. Für seine Frau und die drei Töchter ist dies eine schwerere Belastung. «Wir dachten, dass wir niemals wieder etwas mit der ganzen Familie unternehmen könnten», erinnern sich die Töchter. «Vor dem Unfall gingen wir oft zusammen Ski oder Velo fahren.» «Mein Mann ist eigensinnig und ausdauernd. Was er sich in den Kopf gesetzt hat, führt er auch aus», erzählt Marianne, seine Frau. Von Anfang an setzte er sich Ziele, die er dann auch nach und nach erreichte. «Meine Einstellung war immer positiv. Ich habe nie aufgegeben, meine Fähigkeiten wieder zu erlangen. Ich wusste, dass ich es schaffe», bestätigt Georges. Neun Monate nach dem Unfall besteigt er auf Anregung seiner Physiotherapeutin ein Fahrrad. Trotz Anfangsschwierigkeiten erlangt er wieder sein Gleichgewicht und kann Spazierfahrten unternehmen. «Heute können wir nicht mehr einen ganzen Skitag unterwegs sein, dafür geniessen wir die Zeit mit unseren Enkelkindern. Man muss die Situation akzeptieren können und sich an schönen Augenblicken erfreuen, wenn sie sich ergeben», erklärt Marianne.

Lebenswichtige Regeln für Stapelfahrer

Die Regel Nummer 5 «Wir sichern die Last» hat Georges Morard nicht eingehalten und zahlt dafür ein Leben lang.
Hier finden Sie die lebenswichtigen Regeln für Stapelfahrer  .
Hier alle weiteren lebenswichtigen Regeln  .

Zurück am Arbeitsplatz

«Für mich war klar, dass Georges wieder in den Betrieb zurückkehrt», sagt Bernard, sein Bruder und damaliger Geschäftspartner. Schon in Nottwil hatte Georges damit begonnen, die Korrespondenz zu lesen und Rechnungen zu bezahlen. «Ich hatte in meinem Zimmer ein kleines Büro eingerichtet. Es tat mir ausserordentlich gut, mich um die Administration der Destillerie zu kümmern», erklärt Georges. Eine berufliche Umschulung wurde zwar diskutiert, er konnte sich jedoch nicht vorstellen, seinen Betrieb zu verlassen. Dass ihn sein Bruder auch nach dem Unfall als Geschäftspartner und gleichzeitig als Angestellten akzeptiert hat und dies auch bei der Kundschaft gut ankam, war für Georges eine grosse Motivationsquelle. «Er hat realisiert, dass er immer noch eine nützliche Rolle in der Gesellschaft spielen konnte», fügt Marianne hinzu.

Botschafter für die lebenswichtigen Regeln

Nach seinem Unfall hat Georges die Sicherheit in der Destillerie ausgebaut, insbesondere durch Veränderungen an den Beladungssystemen. Heute engagiert er sich in seiner Branche. Er ist im Vorstand der Schweizer Brenner der einzige Vertreter der Westschweiz. Zudem ist er seit einigen Jahren als Botschafter der lebenswichtigen Regeln im Rahmen der von der Suva organisierten Ausbildung der Sicherheitsassistenten tätig. Seine Schilderungen beeindrucken die Teilnehmenden ganz besonders. «Beim Erzählen kommen mir die begangenen Fehler wieder in den Sinn, sodass ich ihnen sagen kann: ‹Macht es besser als ich!›», erklärt Georges. «Und wenn ich dank meiner Schilderungen im Jahr einen oder zwei schwere Unfälle verhindern kann, ist das bereits ein Erfolg.»

Georges Morards Leben im Film

Entdecken Sie in verschiedenen Episoden   die ganze Geschichte von Georges Morard.