«Wir werden unsere versicherten Betriebe mit einer Prämienreduktion entlasten»

Die Corona-Pandemie forderte den Werkplatz Schweiz und auch die Suva. Felix Weber und Gabriele Gendotti schauen zurück auf ein turbulentes und forderndes Jahr.

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Suva-Ratspräsident Gabriele Gendotti und der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Felix Weber. Foto: Severin Jakob Fotografie, Zürich

Herr Gendotti, Sie sind Präsident des Suva-Rates. Wie hat sich dieses sozialpartnerschaftlich zusammengesetzte Gremium bei der Bewältigung der Corona-Krise geschlagen? 

Gendotti: Als grösste Unfallversicherung der Schweiz ist es geradezu unsere Pflicht, unseren Kundinnen und Kunden in diesen ausserordentlich schwierigen Zeiten Hand zu bieten und unsere Verantwortung für den Werkplatz Schweiz wahrzunehmen. Die Situation setzt auch Fliehkräfte frei. Das sozialpartnerschaftliche Fundament der Suva   ist nach wie vor stark, aber es taten sich auch feine Risse auf. Meine Aufgabe war und ist es, gemeinsam mit den Sozialpartnern von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite tragfähige Lösungen zu entwickeln. Das ist uns gelungen. Nur so können wir gestärkt aus dieser anspruchsvollen Phase kommen.

Herr Weber, was hat die Suva konkret für ihre versicherten Betriebe getan? 
Weber: Nach Ausbruch der Pandemie im Frühjahr haben wir schnell verschiedene Massnahmen ergriffen, um unsere versicherten Betriebe nach Möglichkeit finanziell oder administrativ zu entlasten. Der Bundesrat erteilte uns den Auftrag, die Schutzmassnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 auf Baustellen sowie in gewissen Branchen in Industrie und Gewerbe zu kontrollieren  . Hier haben wir unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen und standen sowohl Arbeitgebenden als auch Arbeitnehmenden partnerschaftlich zur Seite.

Diese Entlastungen sind eher technischer Natur. Wird es auch finanzielle Entlastungen geben?
Gendotti: Uns ist und war bewusst, dass wir mit den administrativen Massnahmen die grossen finanziellen Schwierigkeiten der Firmen nur zu einem kleinen Teil abfedern können. Darum werden wir nächstes Jahr die Betriebe dank ausserordentlichen Effekten mit einer Prämienreduktion entlasten  . Es ist für uns als Suva sehr wichtig, unseren versicherten Betrieben in dieser schwierigen Zeit zur Seite zu stehen und unsere Möglichkeiten zur Unterstützung auszuschöpfen.

Es ist für uns als Suva sehr wichtig, unseren versicherten Betrieben in dieser schwierigen Zeit als Partnerin zur Seite zu stehen und unsere Möglichkeiten zur Unterstützung auszuschöpfen.

Gabriele Gendotti, Präsident des Suva-Rates

Dank Schutzmassnahmen konnte beispielsweise in der Baubranche weitergearbeitet werden. Die Luftfahrt und andere Branchen wurden vom Lockdown viel härter getroffen. Wie hat sich das auf die Unfallzahlen ausgewirkt? 
Weber: Gerade bei Unternehmen der Luftfahrt zählten wir deutlich weniger Unfälle als im Vorjahr. In anderen Branchen waren die Zahlen ebenfalls tiefer. Die Freizeitunfälle sind auch zurückgegangen. Die Skisaison endete abrupt und viele verzichteten auf das Pistenvergnügen. Auch bei den Mannschaftssportarten gab es weniger Unfälle. Insgesamt verzeichneten wir einen Unfallrückgang von rund zehn Prozent  . 

Weniger Unfälle heisst doch im Umkehrschluss weniger Kosten?
Gendotti: Ja, aber nicht im gleichen Masse. Die Heilkosten und die Taggelder der Unfälle sind weniger stark zurückgegangen als die Unfallzahlen. Aber da die Suva nicht gewinnorientiert ist, werden wir die ausserordentlichen Prämienüberschüsse an unsere Kundinnen und Kunden zurückgeben können  . 

Gewisse politische Kreise würden die Suva gerne dem freien Markt aussetzen, eine Parlamentarische Initiative hatte 2020 die Aufhebung des Suva-Teilmonopols zum Ziel.
Gendotti: Solche Forderungen haben eine gewisse Tradition. Einmal mehr waren die im Suva-Rat vertretenen Sozialpartner gefordert und sehr engagiert, unseren Mehrwert für den Werkplatz Schweiz möglichst konkret aufzuzeigen. Das ist ihnen gelungen. Der Nationalrat hat die Parlamentarische Initiative abgelehnt. Er hat damit ein klares Zeichen gesetzt!

Was für ein Zeichen?
Weber: Dass das einzigartige Geschäftsmodell der Suva mit Versicherung, Prävention und Rehabilitation aus einer Hand die beste Lösung für den Werkplatz Schweiz ist. Denn unser speziell ausgestaltetes Teilmonopol bietet jedem Betrieb eine finanzierbare Unfallversicherung. Und dies zu Konditionen, welche von den Sozialpartnern im Interesse der versicherten Betriebe und Personen festgelegt werden.

Was bedeutet dieser Entscheid für die Suva?
Weber: Der Entscheid des Nationalrats unterstreicht das Vertrauen, das wir uns durch unsere Kompetenz und unser Engagement erworben haben. Er bedeutet aber keinesfalls, dass wir uns nun zurücklehnen dürfen. Vielmehr soll er ein zusätzlicher Ansporn sein, unseren Kundinnen und Kunden die bestmöglichen Dienstleistungen anzubieten.

Auch von Personalverleihern gab es kritische Stimmen. Konnten Sie hier eine Lösung finden?
Weber: Die Branche der Personalverleiher hat besondere Herausforderungen  . Die Unfallzahlen und -kosten sind im Vergleich zu anderen Branchen höher. Die Verleihbetriebe haben oft nur einen indirekten Einfluss auf die Situationen in den Einsatzbetrieben vor Ort. Die Suva wird zusammen mit dem Branchenverband Swissstaffing und unter Einbezug von Kundinnen und Kunden diverse Verbesserungen vorantreiben. 

Wir wollen die Betriebe unter­stützen, eine Präventionskultur zu etablieren, bei der die Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden das wichtigste Gut sind.

Felix Weber, Vorsitzender der Geschäftsleitung

Im Berichtsjahr hat die Suva ihr Präventionsprogramm rund um die lebenswichtigen Regeln abgeschlossen. Welche Erkenntnisse hat die Suva in dieser Zeit gewonnen und wie geht es mit der Prävention weiter?
Gendotti: Die lebenswichtigen Regeln  , die wir erarbeitet haben, bleiben auch in Zukunft zentral. Aber damit diese konsequent in den Betrieben umgesetzt werden, müssen sie von allen im Unternehmen mitgetragen und gelebt werden. 

Weber: Es braucht eine begleitende Präventionskultur, bei der die Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden das wichtigste Gut und nicht verhandelbar sind. In den kommenden Jahren wollen wir unsere versicherten Betriebe unterstützen, diese Präventionskultur zu etablieren.

Nach dem Kurssturz im März 2020 erholten sich die Aktienmärkte auf breiter Basis. Wie steht es um die finanzielle Stärke der Suva?
Weber: Die Suva hat ein gutes Ergebnis erzielt und ist weiterhin finanziell sehr solide aufgestellt. Die Anlageperformance auf den Kapitalanlagen lag bei 5,3 Prozent. Das Anlagevermögen der Suva deckt sämtliche finanziellen Verpflichtungen ab. 

Dass es der Suva finanziell so gut geht, wird teilweise auch kritisiert, ist dies berechtigt?
Gendotti: Es ist wichtig zu wissen, dass die Mittel der Suva zweckgebunden sind  . Das Gesetz sieht Rückstellungen vor, damit jederzeit alle zukünftigen Versicherungsleistungen aus allen gegenwärtigen Unfällen und Berufskrankheiten gedeckt werden können. Konkret sind das Rückstellungen für Renten, für künftige Heilkosten und Taggelder sowie für weitere gesetzliche Versicherungsleistungen.

Weber: Darin eingeschlossen sind auch angemessene Eigenmittel für versicherungstechnische Risiken und Anlagerisiken. Überschüssige Mittel aus Rückstellungen und ­Eigenmitteln geben wir unseren Versicherten in Form von tieferen Prämien zurück. Seit 2013 konnte die Suva den Werkplatz Schweiz so um rund eine Milliarde Franken entlasten.

Worin sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Suva in den nächsten Jahren?
Gendotti: Die Mehrheit des aktuellen Parlaments war nicht bereit, auf das bewährte Teilmonopol und das Geschäftsmodell der Suva zu verzichten. Die Herausforderung besteht darin, auch zukünftige Parlamente davon zu überzeugen. Dazu braucht es eine gelebte Sozialpartnerschaft zwischen Vertretern der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und des Bundes. Diese Basis müssen wir erhalten und wo möglich verbessern. 

Weber: Wir investieren viel in die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Hier die richtige Balance zwischen Kundennähe und Effizienz zu finden, wird uns noch länger beschäftigen. Auch unsere versicherten Betriebe stehen in den kommenden Jahren vor grossen Herausforderungen. Aufgrund der Corona-Pandemie warten wirtschaftlich schwierige Zeiten auf sie. Um dies ein wenig abzufedern, werden wir Überschüsse wenn immer möglich in Form von Prämienreduktionen zurückgeben und so unseren Kundinnen und Kunden als zuverlässige Partnerin zur Seite stehen.

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