Geschäftsbericht 2019, Felix Weber, Gabriele Gendotti, Interview

«Unser Modell bietet den Versicherten viele Vorteile»

Was bewegte die Suva im vergangenen Jahr? Und wo drückt der Schuh? Wir haben nachgefragt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Suva weist für 2019 ein positives Betriebsergebnis von 57,5 Millionen Franken aus.
  • Die Anlageperformance auf den Kapitalanlagen liegt bei überdurchschnittlichen 9,3 Prozent.
  • Das Unfallrisiko in der Freizeit und im Beruf blieb 2019 stabil.
  • Die Suva setzt sich auch finanziell für die Wiedereingliederung von schwer Verunfallten ein
Geschäftsbericht 2019, Felix Weber, Gabriele Gendotti, Interview
Der Präsident des Suva-Rats, Gabriele Gendotti (rechts), und der Vorsitzende der Geschäftsleitung, Felix Weber (Mitte), im Gespräch mit Daniel Ammann, Autor und Journalist.

Der Geschäftsbericht informiert über das vergangene Geschäftsjahr

Zum Geschäftsbericht

Kennzahlen Geschäftsjahr 2019

Prämieneinnahmen brutto

CHF 4,4 Mrd.

CHF 4,5 Mrd.

bezahlte Versicherungsleistungen

Betriebsgewinn nach Abbau Ausgleichsreserve

CHF 57 Mio.

registrierte Unfälle und Berufskrankheiten

479 746

Herr Gendotti, Herr Weber – normalerweise schauen wir zuerst auf das vergangene Jahr zurück. Doch die Corona-Pandemie lässt keinen «courant normal» zu. Wie bewältigten Sie und die Suva diese ausserordentliche Situation?

Gabriele Gendotti: Als Tessiner erlebte ich hautnah, wie einschneidend dieses Virus unser Leben veränderte. Es tut weh, zu sehen, wie die Menschen darunter leiden und unsere Kundinnen und Kunden um ihre Existenz kämpfen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir diese Krise, auch dank der Unterstützung der Politik, einigermassen gut überstehen.

Felix Weber: Ich kann mich diesen Worten nur anschliessen. Wichtig ist, dass unsere Kundinnen und Kunden die Unterstützung bekommen, die sie auch brauchen. Wir haben deshalb die Zahlungsfristen für die versicherten Betriebe verlängert  . Zudem wollen wir keine Berufsunfallprämie auf den Löhnen belasten, welche durch Kurzarbeit gedeckt sind. Und unsere Mitarbeitenden sind trotz Pandemie für unsere Kundschaft da – dank unserer guten IT-Infrastruktur im Homeoffice.

Die Suva hat ein Anlagekapital von rund 50 Milliarden Franken. Wie wirkten sich die Turbulenzen an den Börsen aus?

Weber: Natürlich gibt es entsprechende Kursverluste auf den Wertpapieren. Die finanzielle Position der Suva ist aber weiterhin sehr solide. In der hundertjährigen Geschichte der Suva gab es bereits etliche Ereignisse mit ähnlichen Turbulenzen. Es sind zurzeit keine Auswirkungen auf die Versicherten absehbar.

Gendotti: Wir müssen die Finanzierung aller Leistungen für unsere Versicherten sicherstellen. Dank unserer langfristigen Anlagestrategie sind wir dazu in der Lage. Mehr Sorgen machen wir uns über das extrem tiefe Zinsniveau, welches auf die Dauer alle Sozialwerke belasten dürfte.

Schauen wir zurück: 2019 lag die Anlageperformance mit 9,3 Prozent   sehr deutlich über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre von 4,5 Prozent. Worauf führen Sie das zurück?

Weber: Weltweit sind die Aktienmärkte stark angestiegen und auch andere Anlageklassen wie Obligationen oder Immobilien rentierten gut. Die Geldmarktanlagen hingegen litten weiterhin unter den Negativzinsen. Die Absicherung der Zinsdifferenz zu den ausländischen Währungen kostete uns einen zusätzlichen Performance-Prozentpunkt.

Der Deckungsgrad hat per Ende Jahr 126 Prozent erreicht. Werden Sie die versicherten Betriebe wieder an den Kapitalertragsüberschüssen teilhaben lassen?

Gendotti: Im Gegensatz zu vielen börsenkotierten Unternehmen in der Assekuranzbranche erstatten wir überschüssige Mittel in Form von tieferen Prämien   an die Versicherten. Jedoch verhindern die aktuellen Verwerfungen an den Finanzmärkten, dass wir eine ausserordentlichen Prämienreduktion realisieren können.

Geschäftsbericht 2019, Felix Weber

Weber: Immerhin konnten wir seit 2013 über eine Milliarde Franken an Eigenmitteln an die Versicherten und Betriebe in Form von tieferer Prämien erstatten. Auch für dieses Jahr senkten wir die Nettoprämien   für die Berufsunfallversicherung um elf Prozent, also um rund 170 Millionen Franken. Schon letztes Jahr haben wir unsere Versicherten in der Berufs- und Nichtberufsunfallversicherung um 530 Millionen entlastet.

Trotz diesen Entlastungen für die Betriebe ist das Teilmonopol der Suva unter politischem Druck. Was würde sich aus Ihrer Sicht bei einer Aufhebung für den Werkplatz Schweiz ändern?

Weber: Das aktuelle System   hat sich über die Jahre bewährt, es funktioniert und bietet den Versicherten viele Vorteile. Wenn man das Teilmonopol aufhebt, müssten die Versicherten sicher mit höheren Prämien rechnen.

Wieso?

Weber: Sie müssten eine kostenintensive Vertriebsstruktur und die Gewinne eines privatwirtschaftlichen Systems tragen. Auch der Anlageertrag würde markant sinken. Gesamthaft müsste der Werkplatz Schweiz jährlich 1 Milliarde Franken Mehrkosten tragen. Zudem glaube ich kaum, dass Privatversicherer Betriebe mit hohen Unfallrisiken zu tragbaren Prämien versichern und unsere Präventionsarbeit sowie die konsequente Wiedereingliederung weiterführen würden.

Gendotti: Einer der grossen Stärken der Suva ist das Solidaritätsprinzip. Wir wollen, dass alle Berufsgruppen eine bezahlbare Unfallversicherung abschliessen können, auch solche mit höheren Risiken wie etwa Försterinnen und Förster oder Arbeitnehmende auf dem Bau.

Auch die hohen Rückstellungen der Suva werden kritisiert. Ist die Kritik berechtigt?
Gendotti:
 Die Suva ist gesetzlich verpflichtet  , Rückstellungen anzulegen. Diese müssen jederzeit so hoch sein, dass sie alle zukünftigen Versicherungsleistungen aus allen bereits geschehenen Unfällen und Berufskrankheiten decken können. Das ist anders als bei der AHV oder der IV. Die Soll-Höhe unserer Eigenmittel legt eine Verordnung des Bundes fest. 

Geschäftsbericht 2019, Gabriele Gendotti

Sie müssen auch Verwerfungen an den Finanzmärkten und Katastrophen überstehen können, die nur alle hundert Jahre passieren, wie aktuell die Corona-Pandemie. 

Weber: Auch darum benötigen wir so hohe Rückstellungen und Eigenmittel. Künftige Generationen sollen nicht für die Schäden und Ereignisse aus früherer Zeit bezahlen müssen. Ich weiss von einer Person, die sich vor mehreren Jahrzehnten verletzte. In den letzten paar Jahren haben wir für sie Behandlungskosten in der Höhe von mehreren 100 000 Franken beglichen. Diese Kosten ordnen wir dem Unfalljahr zu. Die mittlere Laufzeit einer neuen Rente ab Unfalldatum beträgt rund 37 Jahre. Wir legen also heute bereits bedeutende Summen für das Jahr 2057 zurück.

Seit Jahren kämpft die Suva dafür, dass Fahrerinnen und Fahrer von Uber-Taxis obligatorisch bei der Suva versichert werden. Wieso ist das so wichtig für Sie?

Weber: Es geht uns nicht um Uber als Geschäftsmodell, aber wir haben gesetzliche Vorgaben, wie die Selbstständigkeit definiert ist. Da können wir nicht sagen, hier entscheiden wir so und dort anders. Alle Anbieter sollen gleich lange Spiesse haben.

Gendotti: Es ist auch unser Auftrag, den hohen sozialen Standard in der Schweiz zu gewährleisten. Das wird gerade in Zeiten der sogenannten Gig-Economy, in der immer häufiger Aufträge über Plattformen vergeben oder vermittelt werden, immer wichtiger.

«Eine der ganz grossen Stärken der Suva ist das Solidaritätsprinzip. Alle Berufsgruppen sollen eine bezahl-bare Unfallversicherung abschliessen können.»

Gabriele Gendotti, Präsident des Suva-Rats

Eine erfreuliche Entwicklung im letzten Jahr: Das Fallrisiko bei den Freizeitunfällen ging zum ersten Mal seit langem zurück. Dank der guten Präventionsarbeit der Suva?

Weber (lacht): Natürlich! Aber offen gesagt: Vermutlich spielte auch das Wetter eine Rolle. Der Sommer 2019 war nicht so schön und so lang wie der Sommer 2018. Je weniger die Leute draussen sind, desto weniger Freizeitunfälle werden gemeldet.

Zudem beobachten wir, dass immer mehr Betriebe unsere Präventionsangebote   zur Freizeitsicherheit buchen. Das lohnt sich. Wir bezahlen beispielsweise bei einem Velounfall zwar ein Taggeld an die verunfallte Person, aber die Kosten, die im Betrieb zusätzlich anfallen, sind viel höher.

Bei den Berufsunfällen zeigt sich ein ähnliches Bild.

Weber: Bei den Berufsunfällen blieb das Fallrisiko stabil  . Absolut gezählt haben wir zwar mehr Unfälle als 2018. Aber es waren auch mehr Arbeitnehmende bei uns versichert. Das ist eine insgesamt erfreuliche Entwicklung und zeigt auch hier, dass die Betriebe die Prävention ernst nehmen.

Gendotti: Das belegt auch der Umstand, dass inzwischen 16 500 Betriebe die Sicherheits-Charta   unteschrieben haben. Sie setzen sich dafür ein, dass am Arbeitsplatz lebenswichtige Sicherheitsregeln eingehalten werden und dass die Angestellten Stopp bei Gefahr sagen dürfen. Davon profitieren über 400 000 Arbeitnehmende.

«Die erfreuliche Entwicklung der Unfallzahlen im letzten Jahr zeigt uns, dass die Betriebe die Prävention ernst nehmen.»

Felix Weber, Vorsitzender der Geschäftsleitung

Die Suva ist ja, wie sie selber sagt, «mehr als eine Versicherung». 2016 rief sie ein Anreizsystem für betriebliche Wiedereingliederung ins Leben. Kann man schon eine vorläufige Bilanz ziehen?

Weber: Ja, das Anreizsystem   ist aus meiner Sicht sehr erfolgreich. Dank der finanziellen Anreize konnten wir seit 2016 schon 200 Verunfallte wieder erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrieren und so 52 Millionen Franken an Rentenleistungen einsparen.

Was sind wichtige Elemente dieses Anreizsystems?

Weber: Sind die Voraussetzungen erfüllt, kann die Suva Wiedereingliederungskosten bis zu 20 000 Franken übernehmen. Darunter fallen beispielsweise Arbeitsplatzanpassungen, Kosten für die Einarbeitung an einem neuen Arbeitsplatz oder Ausbildungskurse im Hinblick auf eine Umplatzierung oder Neuanstellung. Zudem zahlen wir bei einer abgeschlossenen, erfolgreichen Wiedereingliederung bis zu 20 000 Franken Erfolgshonorar an den Betrieb.

Gendotti: Was entscheidend ist: Wir können den Betroffenen eine berufliche Perspektive   anstelle einer lebenslangen Rente geben. Dazu fühlen wir uns als erstes und ältestes Sozialwerk der Schweiz verpflichtet. Und wenn eine Reintegration klappt, ist das sicher etwas vom Befriedigendsten an unserer Arbeit – zu sehen, wie versehrte Menschen in den Alltag zurückkehren, einer Arbeit nachgehen und dabei zufrieden sind.

Für einmal ganz zum Schluss: Was war 2019 aus Ihrer Sicht für die Suva besonders erfreulich?

Gendotti: Wir konnten viele Ziele unserer Strategie «avance» umsetzen. Und was ich hervorheben will: Wir haben wichtige Meilensteine bei der Realisierung unseres neuen Schadenmanagements erreicht. Das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind und operativ gut arbeiten.

Weber: 2019 war für die Suva und ihre Versicherten ein gutes Jahr. Wir haben die Risikokosten im Griff, ein gutes Anlageergebnis erzielt und konnten unseren Kundinnen und Kunden eine grosszügige Prämienrückerstattung gewähren. Und was mich besonders freut: Umfragen ergaben, dass der überwiegende Teil unserer Kundinnen und Kunden mit unserer Arbeit sehr zufrieden ist.