Corona: «Ich wollte Abschiedsbriefe schreiben»

Regula Müller,

Catherine Grienenberger (62) erkrankte Ende März 2020 an Corona. Die Pflegefachfrau, die auf der Intensivstation des Universitätsspitals Basel arbeitet, musste ihr Pensum danach auf 20 Prozent reduzieren.

"benefit" 2_21 Rubrik "Meine Sicht", Catherine Grienenberger, Corona, Corona-Erkrankte, Langzeitfolgen, Pandemie, Pflegefachperson

Wie haben Sie den Start der Pandemie erlebt?
Ich spürte, dass da etwas Grosses auf uns zukommt, und ich hatte Angst. Im Südelsass gab es rasch sehr viele Todesfälle. Auch im Spital in Mulhouse waren die Ausmasse katastrophal. Ich hatte Angst um meine Familie und meine über 90-jährige Mutter. Um mich selbst machte ich mir keine Sorgen. Ich hätte nicht erwartet, dass es mich so rasch trifft.

Wie verlief Ihre Erkrankung?
Die ersten Symptome traten während des Dienstes auf. Tags darauf liess ich mich testen und war positiv. Unsere Personalärztin rief alle zwei bis drei Tage an, um zu fragen, wie es mir geht. Ich war damals die älteste Erkrankte im Spital. Sie war es auch, die mich eine Woche später hospitalisieren liess. Ich hatte zwar keine Atemnot, aber war total kraft- und antriebslos. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich Abschiedsbriefe an meine Liebsten verfassen wollte. Es fehlte mir aber die Kraft, den Stift zu halten. Als ich die Behandlung mit antiviralen Tabletten erhielt, ging es aufwärts. Vier Tage später konnte ich das Spital wieder verlassen.

Danach war alles in Ordnung?
Den ganzen April konnte ich mich zu Hause erholen. Anfang Mai begann ich zu arbeiten. Am Ende des Monats bin ich wieder richtig eingestiegen. Nach drei Schichten nahm meine Energie rapide ab und ich musste mich erneut krankmelden. Am 12. Juni landete ich auf der IPS Kardiologie mit Symptomen von Angina pectoris und Herzrhythmusstörungen.

Corona als Berufskrankheit

Die Anerkennung als Berufskrankheit setzt voraus, dass in der beruflichen Tätigkeit ein viel höheres Risiko besteht, an Covid-19 zu erkranken, als beim Rest der Bevölkerung. Eine eher zufällige Kontamination am Arbeitsplatz reicht nicht aus. Jeden Fall prüfen wir eingehend. Ein massiv erhöhtes Risiko kann gegeben sein, wenn Personal in Spitälern, Laboratorien und dergleichen bei der Tätigkeit direkt mit infizierten Personen oder Material in Kontakt kommt. Ebenso können Mitarbeitende beispielsweise in Alters-, Behinderten- und Pflegeheimen im Rahmen der direkten Pflege von infizierten Bewohnern einem massiv erhöhten Risiko ausgesetzt sein. Bei Tätigkeiten, die nicht auf die Betreuung und Behandlung infizierter Personen ausgerichtet sind, wie Verkaufspersonal, Hotelreinigungspersonal oder Polizei, erfolgt keine Anerkennung als Berufskrankheit.
suva.ch/corona  

Welche Unterstützung bekamen Sie?
Der Kardiologe im Haus, Professor Zellweger, hat mir nach dem Rückfall eine Reha verschrieben. Drei Monate dauerte sie, viermal pro Woche trainierte ich. Die Personalabteilung der Universitätsklinik Basel hatte meine Erkrankung schon ganz am Anfang der Suva gemeldet. Diese anerkannte meinen Verlauf als Berufskrankheit. Die Suva unterstützte auch die Reha. Während des Programms begann ich, wieder zu 20 Prozent zu arbeiten. Ich kam durch das Training wieder auf die Beine, aber mehr als 20 Prozent konnte ich nicht mehr arbeiten. Was ich gewonnen habe an Energie, wollte ich im Drei-Schicht-Betrieb nicht sofort wieder verbrennen.

Wie hat die Sie Krankheit verändert?
Ich bin eine andere Person geworden. Als ich mit den Herzproblemen im Spital lag, dachte ich, ich müsste sterben. Ich wollte, dass mein Mann kommt – aber er durfte nicht. Das war schlimm für mich. Wenn ich auf der IPS schwerkranke Patienten pflege, habe ich mehr Mühe als früher. Mein Entscheid, mich frühzeitig pensionieren zu lassen, wurde durch meine Erkrankung nochmals bestätigt.