Rückenverletzung: Nach einer Lähmung wieder gehen können

Nadia Gendre,

Bekannte Schweizer Wissenschaftler, wie die Professoren Jocelyne Bloch und Grégoire Courtine, tragen dazu bei, Behandlungen von Rückenverletzungen voranzutreiben.

Prof. Courtine und Prof. Bloch
Jocelyne Bloch (Neurochirurgin) und Grégoire Courtine (Professor EPFL)

«Eines Tages werden sich Patienten im Rollstuhl in dieses Spital begeben und es gehend wieder verlassen», sagt Grégoire Courtine, assoziierter Professor EPFL. Diese Vision und klare Überzeugung teilt er mit Jocelyne Bloch, Neurochirurgin am Universitätsspital Lausanne, und den Teams des Zentrums NeuroRestore. «Ja, dies wird mit einer Kombination von therapeutischen Ansätzen (Medikamente, Chirurgie, Stimulation, Labor usw.) bestimmt möglich werden», bestätigt Jocelyne Bloch. 

Forschungsprojekt mit Stimulation im Rückenmark

Jocelyne Bloch und Grégoire Courtine verschieben die Grenzen des Machbaren mit ihren parallel durchgeführten Forschungsprojekten zu den Verletzungen des Rückenmarks, wie die Studie STIMO (Stimulation Movement Overground), an der auch Georgy Froté teilnimmt. Seine Unfallgeschichte lesen Sie hier  .
Ein Teilstück von fünf Zentimetern des Rückenmarks kontrolliert die Beinmuskeln. Eine Verletzung in diesem Bereich unterbricht die Verbindung zum Gehirn. Im Rahmen der Studie STIMO werden unterhalb der Verletzung  eine Reihe Elektroden implantiert. «Der Stimulator ist ein zündholzschachtelgrosses Kästchen, das im Bauchbereich eingesetzt wird und in Echtzeit biomimetische Stimulationen wiedergibt, die beim Gehen normalerweise vom Hirn über das Rückenmark ausgesendet werden», erklärt Grégoire Courtine. 
Die Versuche wurden mit Mitteln durchgeführt, die ursprünglich zur Schmerzbehandlung zugelassen worden waren. Diese sind noch nicht zu 100 Prozent den Bedürfnissen angepasst, weshalb ein Startup parallel dazu zukünftige, für die Paraplegie/Tetraplegie geeignete Technologien, entwickelt. Einige dieser medizinischen Implantate werden ab 2023 verfügbar sein. Sie werden zuvor jedoch noch klinisch getestet, bevor sie zugelassen werden. Das ganze Prozedere benötigt viel Vorbereitungsarbeit, regulatorischen Aufwand, Zeit und Geld. 

Die Rehakliniken der Suva

Zur Wiedereingliederung   von verunfallten Menschen betreibt die Suva als einzige Unfallversicherung eigene Rehabilitationskliniken in Bellikon und Sion. In diesen Zentren werden nicht nur die körperlichen und psychischen Folgen des Unfalls behandelt, sondern auch die sozialen und beruflichen Aspekte in der Rehabilitation berücksichtigt. Die Kliniken sind optimal eingerichtet, um die Verunfallten für den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu unterstützen. Um diese Aufgaben bestmöglich erfüllen zu können, wurden die Rehakliniken   laufend umgebaut und auf den aktuellsten Standard gebracht.

Mehr Freiheiten trotz Rollstuhl

«Wir haben das Glück, einen packenden Beruf auszuüben und jeden Tag neue Entdeckungen zu machen. Es ist sehr anspruchsvoll, bereitet uns aber auch äusserst beeindruckende Erlebnisse, wenn ein Resultat erreicht wird, oft gar nicht dort, wo wir es erwarteten», erzählt Jocelyne Bloch. «Und dann sind da vor allem die Patienten, an denen die Resultate sichtbar werden. Das sind starke Momente, wenn sie zum Beispiel ohne Stimulation die Beine wieder bewegen können.» Denn die mit Trainingseinheiten kombinierte Stimulation ermöglicht ein Nervenwachstum unter der Läsion. Mehr als die Hälfte der Patienten konnten so wieder willentlich Bewegungen ohne Stimulation ausführen. 
Neben der Fähigkeit zum Gehen soll diese Stimulation primär ein wenig «Normalität» in das Leben der Verunfallten zurückbringen. «Wenn wir unsere Patienten gehen sehen, ist das immer wieder sehr beeindruckend. Gleichzeitig sind es aber nicht sehr effiziente Fortbewegungen. So werden sie niemals einkaufen gehen. Sie werden immer auf den Rollstuhl angewiesen bleiben. Einen grossen Gewinn stellt die Stimulation im täglichen Leben dar. Wenn sie beispielsweise einen Freund besuchen, der keinen Lift hat, die Toilette aufsuchen oder während eines Aperitifs stehend mit Freunden anstossen möchten», präzisiert Jocelyne Bloch.

Unfall als sinnstiftend empfinden

Um an einer Studie wie STIMO teilnehmen zu können, müssen gewisse Kriterien erfüllt sein, beispielsweise fünf Zentimeter unverletztes Rückenmark. Hinzu kommt die Motivation der Patienten, sich in diese Studie einzugeben. Immerhin setzen sie sechs Monate ihres Lebens ein, während denen sie 4 Tage pro Woche intensiv trainieren. Die Anstrengung ist entsprechend gross. Wille und mentale Kraft sind unabdingbar. Denn jene, die am meisten motiviert sind, machen auch die grössten Fortschritte. 
Es bleibt noch viel Forschungsarbeit, bevor Patienten wie Georgy Froté wieder gehen können.  In seinem Fall ist die Regeneration ein wichtiger Faktor. Denn obwohl das Verständnis der Mechanismen dank Tierversuchen, bei denen nach vollständiger Verletzung des Rückenmarks Regenerationsprozesse von mehreren Zentimetern  erreicht wurden, grosse Fortschritte gemacht hat, muss dieses Phänomen noch weiter optimiert werden, bevor es beim Menschen angewendet werden kann.
Eine der nächsten Etappen für das Duo ist die Studie STIMO2, die ab 2022 in der Rehaklink Sion   bei Patienten durchgeführt werden wird, die vier Wochen zuvor ihren Unfall erlitten hatten. Eines der Ziele besteht darin, die Auswirkungen frühzeitiger Behandlungen zu beurteilen. 
Nach einer Paraplegie oder einer Tetraplegie wieder gehen zu können, ist in einigen Jahren vielleicht denkbar. Die Hoffnung auf dieses zukünftige Wunder ist für Wissenschaftler wie Jocelyne Bloch und Grégoire Courtine Antrieb und Legitimation zugleich. Sie motiviert aber auch verunfallte Menschen wie Georgy Froté, die in ihrer Mehrheit das Bedürfnis haben, ihrem Unfall einen Sinn zu verleihen. Sie wünschen, dass dieser ein wichtiges Vorhaben vorantreibt, wie beispielsweise den Fortschritt in der Forschung.