Unfall: Alle sind betroffen

Regula Müller,

Das Leben von Thomas Brunner hat sich in wenigen Sekunden komplett gedreht. Mit der neuen Situation müssen auch seine Partnerin, seine Freunde und die Arbeitskollegen klarkommen.

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Von der Autofahrt vom Arbeitsort nach Hause weiss ich nichts mehr. Nach dem Anruf stand ich unter Schock.» So beschreibt Brigitte Kämpfer (49) den Moment, als sie vom schweren Motorradunfall ihres Partners erfahren hatte. Sie erhielt den Anruf an einem Freitag kurz vor der Mittagspause von dem Töffkollegen, der zusammen mit Thomas Brunner (57) unterwegs nach Sardinien war. In Frankreich, nahe von Grenoble, passierte es. Ein Autofahrer geriet auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit Brunner und seinem Motorrad. Seit diesem Tag sind sieben Monate vergangen.

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Bereits bei der ersten Operation in Valence (FR) haben die Ärzte Brunners linken Unterschenkel amputiert. Darauf verlegten sie ihn für einige Tage ins künstliche Koma. Eine Woche später im Inselspital Bern operierten die Chirurgen noch ein Stück ab – eine Amputation im Kniegelenk also.

Dazu kamen mehrere Operationen an seinem Arm. «Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte auch diesen verloren», erklärt Brunner das Ausmass der Verletzungen. Ein Riss im Becken verursachte weitere Komplikationen. Einen Monat nach dem Unfall trat Brunner in die Rehaklinik Bellikon   ein. Da habe man ihm am ersten Tag beigebracht, wie er selber vom Bett in den Rollstuhl gelange. «Die zeigen dir hier von Anfang an, dass der Weg zurück in die Selbstständigkeit möglich ist.» Das sei sehr motivierend gewesen. 

Das Vermissen während der Reha

Das Leben von Thomas Brunner hat sich innerhalb von wenigen Sekunden komplett geändert. Aber nicht nur seines. Das ganze Umfeld musste auf einen Schlag damit umgehen, dass er viele Monate in der Rehaklinik Bellikon verbringen wird und nichts mehr so ist, wie es mal war. 

Brigitte Kämpfer fiel diese Umstellung nicht leicht. «Ich habe nicht mehr richtig gegessen. Denn alleine kochen und essen macht einfach keinen Spass.» Das sei es auch, was ihr am meisten fehle. «Neben der körperlichen Nähe vermisse ich die Gespräche während des Nachtessens.» Eine Fernbeziehung zu führen, sei einfach doof.

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Radio-Wunschkonzert für Verunfallte und Erkrankte

Kennen Sie jemanden, der einen Unfall hatte und aktuell nicht seiner Arbeit nachgehen kann? Zeigen Sie Ihrem Arbeitskollegen oder Ihrer Mitarbeiterin, dass Sie an ihn oder sie denken. Widmen Sie noch bis am 13. Dezember einen Song mit persönlicher Grussbotschaft im Suva-Radio-Wunschkonzert  .
Denn: Je mehr Unterstützung ein Verunfallter von seinem Umfeld erhält, desto grösser sind seine Chancen auf Heilung und Wiedereingliederung. 

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Grosse Lücke am Arbeitsplatz

Auch Brunners Arbeitgeber stand nach dem Unfall vor einer grossen Herausforderung. Seit rund 30 Jahren arbeitet Brunner als Monteur bei der Elektro-Blitz Köniz AG. Sein Vorgesetzter, Beat Bütikofer, sagt: «So viele Jahre Erfahrung ersetzt du nicht von einem Tag auf den anderen.» Im Team fehle Brunner enorm. 

«Er war eine Leitfigur. Mit seinen Tipps half er den Kollegen, Fragestellungen zu lösen. Nun landen Probleme bei mir, die ich vorher gar nie als solche wahrgenommen habe.» Es gebe Kunden und Kundinnen, die wöchentlich nach Brunners Befinden fragten und sehr darauf hofften, dass er bald als Elektromonteur zurückkomme. 

Vorwärts schauen nach dem Unfall

Thomas Brunners Herz schlägt nicht nur für seinen Beruf. Ebenso fasziniert ist er von der Unterwasserwelt. Als Tauchlehrer hat er in jüngeren Jahren jede freie Minute im Wasser verbracht. Mittlerweile sind die Tauchgänge am Thunersee seltener geworden. Die Freundschaft zu den Tauchkollegen blieb hingegen bestehen.  

Bernhard Mischler kennt Brunner seit über 30 Jahren. Sein Unfall habe ihn aus der Bahn geworfen, sagt er. «Die ersten 14 Tage konnte ich kaum damit umgehen, was mit Thömu passiert ist. Es hat mich total mitgenommen.» Mischler ist aber überzeugt, dass Thomas Brunner in einigen Monaten wieder tauchen könne. Er versprüht viel Zuversicht. «Wenn das Umfeld den Kopf hängen lässt, bringt das dem Verunfallten nichts.» 

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Tauchen tut auch Brunners Partnerin, Brigitte Kämpfer. So haben sich die beiden kennengelernt. Ebenso ist Motorradfahren eines der Hobbys, die sie mit ihm teilt. «In der Woche nach dem Unfall wollte ich meinen Töff auf der Stelle verkaufen», erzählt Kämpfer. Als sie diesen Entscheid mit Brunner besprach, riet er ihr mit der Begründung davon ab, dass er auf jeden Fall versuchen wolle, wieder auf das Motorrad zu steigen.

Unterstützen für die Rückkehr ins Leben

Thomas Brunner konnte vom ersten Moment an auf grosse Unterstützung zählen. Beat Bütikofer, mit dem er zwei- bis dreimal pro Woche telefoniert, hat ihm zugesichert, dass er an den Arbeitsplatz zurückkehren könne. «Eine Riesenerleichterung», sagt Brunner. «Dadurch muss ich keine Existenzängste haben.» Besuche aus dem Bekanntenkreis in Bellikon seien auch immer ein Aufsteller. Bernhard Mischler ist einmal in der Woche vor Ort. Ausserdem chauffieren ihn seine Freunde und Arbeitskollegen am Wochenende von Bellikon nach Hause und zurück. Brigitte Kämpfer ist indes froh, dass dank neuen Technologien telefonieren per Video möglich ist: «Wir sehen uns so trotz allem zweimal täglich.»

Verunfallte unterstützen

Alle Beteiligten – Verunfallte, Arbeitgebende, die Familie, Freunde sowie Ärzte – können die Wiedereingliederung   beeinflussen.