Ein neues Wahrzeichen thront über der Stadt Luzern
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Faulhorn? Lokomotive? Mastodon?

Grösse und Prominenz kommen nicht ohne Preis: Das zeigt sich in den Spitznamen, die sich die Luzerner Bevölkerung für das Suva-Hauptgebäude im Lauf der Jahre hat einfallen lassen.

Inhalt

      Wer nach Luzern kommt, kann nicht «Suva» sagen, ohne dass ihn ein Einheimischer mit verschmitztem Lächeln fragt: «Weisst du, wie die Suva bei uns heisst?» Um die Pointe nicht zu verderben, sagt man: «Nein.» Und automatisch wird aus dem Lächeln ein breites Grinsen: «Faulhorn! Du weisst schon, faul und Horn…»

      Blitzt auch – allein als Folge des Dialekts – der Charme von Emil durch, dann weiss man, dass die Anspielung auf die vorurteilsbehaftete Arbeitsmoral von Beamten nicht bösartig, sondern scherzhaft gemeint ist. Denn: Beamte sind die Suva-Mitarbeiter schon längst nicht mehr.

      Spitznamen begleiteten das Suva-Gebäude von der ersten Stunde an – nur schon wegen seiner schieren Grösse und seiner Dominanz im Luzerner Stadtbild. Der langjährige Staatsarchivar von Luzern, Peter X. Weber, hielt zwei der Begriffe, die in der Bevölkerung kursierten fest: Ästheten hätten «bekanntlich das Gebäude der Schweizerischen Unfallversicherung – in seiner äusseren Aufmachung vom Bahnhofplatz aus betrachtet – als Mastodon oder Suva-Lokomotive eingeschätzt». Mastodon ist ein nicht mehr gebräuchlicher Begriff für einen Riesenelefanten. Heute würden wir wohl Mammut sagen.

      Kuppeln prägen Stadtbilder

      Zweifellos war der Bau des Suva-Hauptgebäudes an dieser prominenten Lage ein massiver Eingriff in das Luzerner Stadtbild. Vor allem am mächtigen Turm mit seiner domartigen Kuppel schieden sich die Geister. Luzern kannte bereits einige Kuppelbauten, die öffentlich zugänglich waren – etwa den Kursaal von 1882, den Bahnhof von 1896, das Hotel du Lac von 1897 und das Hotel Palace von 1906. Sie alle prägten das Stadtbild, aber die Suva-Kuppel mit ihrem massiven Turmunterbau stiess in eine neue Dimension vor.

      Vorbild war Zürich. Hermann Weideli, Architekt aus Zürich, schrieb in einem Gutachten, das er vor dem Landerwerb im Juni 1913 für die Suva erstellte:

      «Ein Monumentalgebäude auf der Fluhmatt errichtet, kann für Luzern im Stadtbilde eine ähnliche Rolle spielen wie das Polytechnikum in Zürich.»

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      Die ausführenden Architekten, die Gebrüder Pfister aus Zürich, orientierten sich weitgehend an der Aussenwirkung der Universität Zürich, die 1913 im Bau und 1914 fertiggestellt war.

      Diskussionen über Fragen des Heimatschutzes gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst im Ansatz. Luzern verankerte 1913 erstmals einen Heimatschutzartikel im städtischen Baugesetz. Darin wurde die Exekutive verpflichtet, «die Ausführung von Bauten, die dem Orts-, Strassen- oder Landschaftsbild, dem Fluss- oder Seeufer zur offenbaren Unzierde gereichen würden, zu untersagen.»

      Die erste Bundesinstitution in Luzern

      Die angesprochene Exekutive befand aber, dass der geplante Neubau durchaus «zur Zierde der Stadt gereicht». Dies schrieb der Stadtrat von Luzern in seiner Stellungnahme zur Baubewilligung vom 30. April 1914. Und er verteidigte die monumentale Wirkung des Baus mit der Bemerkung, dass es sich beim Gebäude der Schweizerischen Versicherungsanstalt um ein «Denkmal eidgenössischen Brudersinns» handle.

      Lange war die Innerschweiz von der Eidgenossenschaft benachteiligt worden – auch wegen ihrer Rolle bei der Gründung des Bundesstaates. Jetzt war für die Stadtväter klar, dass die erste nationale Institution, die in Luzern angesiedelt wurde, repräsentativen Charakter auch für die Stadt haben musste. Er sah keine Konkurrenz zu Museggmauer oder Hofkirche, sondern betonte im Gegenteil die «mächtige, schlossartige Wirkung des Baues».

      Symbol der nationalen Einheit

      Spätestens mit dem Bau des Mittelteils des Bundeshauses zwischen 1894 und 1902 war die Kuppel zu einem architektonischen Nationalsymbol der Schweiz, deshalb auch die Formulierung des «eidgenössischen Brudersinns». Heute gilt das Suva-Hauptgebäude als ein klassischer Repräsentant des «nationalen Bauens» vor dem ersten Weltkrieg.

      Und trotzdem hinterliess es nicht den Eindruck von Grossspurigkeit oder Protz. Funktionalität stand über Repräsentativität, was auch das «Werk», das offizielle Organ des Bundes Schweizer Architekten, im Oktober 1916 anerkannte:

      «Es ist ein mit verhältnismässig bescheidenen Mitteln hergestellter einfacher Nutzbau, aber er lässt uns doppelt schmerzlich empfinden, in welch unglückseliger Zeit die Eidgenossenschaft ihre Millionen verausgabte, um Repräsentationsgebäude zu erbauen. Dass heute die schaffenden Kräfte da wären, um etwas Erfreuliches hinzustellen, das beweist wohl am besten das Gebäude der Schweiz. Unfallversicherung in Luzern.»

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      Sicht vom Wesemlin-Quartier auf das Verwaltungsgebäude der Suva, 1935

      Stadt boomt ausserhalb der Mauern

      Noch zwei Jahre zuvor hatte die «Schweizerische Bauzeitung» geschrieben, dass es – ausserhalb des Stadtrings, über der Museggmauer, zwischen den mittelalterlichen Türmen und der Hofkirche – «ein Gebot des Taktes» sei, «sich dem Bestehenden in Bescheidenheit und Mässigung unterzuordnen». Das tat das Projekt der Gebrüder Pfister nicht.

      Der Suva-Neubau fiel in eine Zeit des starken Wachstums in Luzern. Dies betraf nicht nur die Bevölkerung und die Wirtschaft, sondern auch die öffentlichen Verwaltungen. Vor dem Bau des Suva-Verwaltungsgebäudes hatten sich die Post am Bahnhofplatz (1887) und die Gotthardbahn am Luzernerhof (1889) niedergelassen. Praktisch zeitgleich mit dem Suva-Neubau wurde auch das Verwaltungsgebäude der Centralschweizerischen Kraftwerke erstellt – der Hirzenhof am Hirschengraben. 1915 begann der Bau des Luzerner Stadthauses an der Winkelriedstrasse.

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      Ansichtskarte mit Zeppelin über Luzern, 1929 (Quelle ZVG Swissair.00.ch)

      Wie sehr sich das Stadtbild veränderte und wie sehr das Suva-Hauptgebäude zu einem natürlichen Teil der Stadtsilhouette wurde, verdeutlicht wiederum Peter X. Weber. 1949 schrieb er aus Sicht der linksufrigen Neustadt: «Wer vom See und den benachbarten Hügeln her die Stadt übersieht, beachtet die imposante Bahnhofkuppel, sodann die Vermehrung der bisherigen Türme der Kleinstadt durch jene der Lukas- und der Pauluskirche und als Gegenpol zur Suva den stattlichen Turm der Vereinigten Brauereien [heute Eichhof] an der Stadtperipherie.»