Wenn Berufsunfälle ins Auge gehen

Luk von Bergen,

Die häufigsten Gesichtsverletzungen betreffen die Augen. Alle fünf Minuten registriert die Suva einen arbeitsbedingten Unfall mit Augenverletzung. Wie kommt es dazu und was passiert dabei mit dem Auge?

«Unsere Augen sind etwas vom Kostbarsten, das wir besitzen», sagt die Off-Stimme, «zu ihnen müssen wir besonders Sorge tragen, sie sind unsere Brücke zum Leben.» Ein Satz aus einem Sensibilisierungsfilm der Suva zum Thema Augenschutz am Arbeitsplatz. Der Erzähler ist seit einem Arbeitsunfall in einer Giesserei blind. Weitere Protagonisten des Films aus den Neunzigerjahren hatten mehr Glück und kamen nach einem Arbeitsunfall glimpflich davon oder konnten immerhin einen Teil der Sehkraft behalten. Denn eine kurze Unaufmerksamkeit oder eine fehlende Schutzbrille im entscheidenden Moment können das Augenlicht ruinieren oder beeinträchtigen. Für immer. Die Zahl der Augenverletzungen hat in den letzten Jahren zwar abgenommen dank verbesserter Sicherheitskultur und konsequenterem Tragen der Schutzbrille. Trotzdem registriert die Suva jährlich 36 000 Unfälle mit Augenverletzungen* als Hauptdiagnose. Drei Viertel davon passieren am Arbeitsplatz (rund 27 500), wo bei Routinearbeiten wie Fräsen, Schleifen oder Schweissen Fremdkörper ins Auge gelangen, die restlichen Unfälle geschehen in der Freizeit.

Kleine Teilchen, grosse Schmerzen

Staub, Späne, Sand oder Steinchen: Wir alle kennen das unangenehme Gefühl, etwas im Auge zu haben. Fremdkörper auf der Bindehaut oder der Hornhaut sind meist leicht zu entfernen – ohne bleibende Schäden. «Gefährlich sind zum Beispiel oberflächliche Verletzungen durch Flüssigkeiten, die ins Auge gelangen und es verätzen können», sagt Dominik Gerber Hostettler, Facharzt für Augenheilkunde bei der Suva. In solchen Fällen sollten die Augen sofort und gründlich ausgespült werden, um schwere Folgeschäden zu verhindern.


Ebenfalls heikel sind Verletzungen, bei denen ein Fremdkörper wuchtig in das Auge eindringt und Schäden im Inneren anrichtet. «Hier muss man möglichst rasch eingreifen, da der Fremdkörper die Augenstruktur verletzen und Infektionenim Augeninneren verursachen kann.» Auch Augenprellungen durch einen stumpfen Schlag können bis zur Erblindung führen. «Dank der Mikrochirurgie kann das Auge, das auf nur etwa drei Zentimetern Durchmesser sehr viele komplexe Strukturen enthält, oft gut behandelt werden», sagt Spezialist Gerber Hostettler. Im schlimmsten Fall allerdings könne es vorkommen, dass man ein völlig erblindetes Auge entfernenund durch eine Augenprothese, ein «Glasauge», ersetzen müsse.

Augen auf beim Augenschutz!

Um Augenverletzungen zu verhindern, gibt es Schutzbrillen, die zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA) gehören. Wichtig bei der Wahl der Schutzbrille sind Benutzerfreundlichkeit, Passform und Funktionalität. «Gerade Lernende und Junge sind sich oft noch nicht gewohnt, eine Schutzbrille zu tragen. Aber sie gehört vom ersten Tag an auf die Nase», sagt Heinz Graf von der PSA-Fachstelle der Suva. Aus gutem Grund: Bei den Lernenden geht fast jeder fünfte Berufsunfall ins Auge, bei den übrigen Angestellten sind es rund 15 Prozent. Hier sind die Berufsbildner gefragt: «Sich zu schützen, muss im Unterbewusstsein verankert werden. Wichtig ist, dass es die Verantwortlichen konsequent vorleben.» Denn hauptdiagnostizierte Augenschäden verursachen immer noch Heilungskosten von etwa 20 Millionen Franken pro Jahr, 430 Franken pro Fall. Kosten, die verglichen mit anderen Ausgabeposten der Suva, wie Frakturen, zwar verhältnismässig tief sind. Der Preis aber, den Betroffene bei Augenverletzungen zahlen müssen, kann ungleich hoch sein: Es geht ums Augenlicht, um die «Brücke zum Leben».

*durchschnittliche Anzahl Fälle 2007–2016

Interview mit Maurus Adam, Sicherheitsingenieur bei der Suva

 

In der Montage-, Stahl-, Metallbau- und Apparatebaubranche betrifft jeder dritte Berufsunfall die Augen. Weshalb? 


In dieser Branche gibt es viele manuelle Tätigkeiten wie Schleifen, Trennen und Schweissen. Diese Arbeiten finden zum Teil unter erschwerten Arbeitsbedingungen statt, zum Beispiel in engen Räumen oder bei Überkopfarbeiten auf Baustellen.

 

Ist diese Branche zu nachsichtig mit Schutzmassnahmen? 


Fehlende Tragdisziplin von Schutzbrillen oder mangelhafte Kontrolle seitens der Verantwortlichen sind sicher Gründe für Augenunfälle. Andererseits passieren die Unfälle zum Teil auch trotz Schutzbrille. In diesen Fällen sind die Brillen oft nicht korrekt angepasst oder ungeeignet für die jeweilige Arbeit. Zudem gelangen Fremdkörper auch über die Haare oder die Hände in die Augen.

Prävention und Eigenverantwortung sind entscheidend, um Augenunfälle zu vermeiden.

Maurus Adam, Sicherheitsingenieur bei der Suva

Was tut die Suva, um die Zahl der Augenverletzungen in der erwähnten Branche zu senken?


Wir haben den Handlungsbedarf längst erkannt und beispielsweise Checklisten, Pflichten und Regeln aufgestellt, um Verantwortliche und Arbeitnehmende zu sensibilisieren. Zudem werden die Schutzbrillen immer besser. Seit 2005 sind die Augenverletzungen in der Montage-, Stahl-, Metallbau- und Apparatebaubranche um 40 Prozent zurückgegangen. Auf 1000 Vollbeschäftigte gibt es noch 59 Unfälle, früher waren es 97.

Erste Hilfe entscheidet über «Seh’n oder Nichtseh’n»

Fremdkörper entfernen

Fremdkörper auf dem Auge vorsichtig mit einem Taschentuch entfernen. Feststeckende Fremdkörper allerdings stecken lassen und unverzüglich zum Arzt gehen.

 

Ausspülen

Nach einem Unfall mit verätzenden Lösungen Augen sofort für mindestens 15 Minuten ausspülen. Mit Wasser, Milch oder sogar mit Limonade. Das Auge muss beim Spülen offen sein.

 

Arzt aufsuchen

Generell gilt: Bei Augenverletzungen sofort den Arzt aufsuchen und sich behandeln lassen.

 

Hilfreiche Links: 

Informationen Augenschutz: suva.ch/augenschutz  

Schutzbrillen bestellen: sapros.ch/augenschutz