«Dieses Vermögen gehört den Versicherten»
Nach über 20 Jahren bei der Suva blickt Finanzchef Hubert Niggli auf Verantwortung, Krisen und das Modell Suva zurück. Für ihn ist klar: Die finanzielle Stärke der Suva ist kein Selbstzweck. Sie dient den Versicherten, den Betrieben und dem Werkplatz Schweiz. Ab 1. Juli übernimmt Alexander Kohler die Leitung des Departements Finanzen und Informatik.
Inhalt
Kurz und bündig
Nach über 20 Jahren bei der Suva blickt Finanzchef Hubert Niggli auf seine Tätigkeit zurück. Er spricht über Verantwortung, Krisen und die Besonderheiten des Suva-Modells. Für ihn ist klar: Die finanzielle Stärke der Suva dient den Versicherten, den Betrieben und dem Werkplatz Schweiz.
- Hubert Niggli war über 20 Jahre bei der Suva tätig.
- Heute verwaltet die Suva rund 60 Milliarden Franken für ihre Versicherten.
- Die finanzielle Stabilität ermöglicht Prämienreduktionen und langfristige Sicherheit.
- Am 1. Juli übernimmt Alexander Kohler die Leitung des Departements Finanzen und Informatik.
Verantwortung für die Versicherten
Seit 2003 ist Hubert Niggli für die Suva tätig, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung in der Funktion des CFO und Leiter des Departements Finanzen und Informatik. In dieser Zeit hat sich die finanzielle Lage der Suva stark entwickelt. Heute verwaltet sie ein Anlagevermögen von rund 60 Milliarden Franken. Geld, das nicht Aktionärinnen und Aktionären gehört, sondern den Versicherten.
Was hat Sie über all die Jahre motiviert, sich für die Suva einzusetzen?
Ich hatte das Glück, mit einem hervorragenden Team zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig war die Arbeit für die Suva sehr sinnstiftend. Wir versichern Menschen gegen die finanziellen Folgen von Unfällen. Wir übernehmen Heilkosten, bezahlen Taggelder und sichern mit Renten die Existenz von heute über 70 000 Menschen.
Diese Ansprüche langfristig zu sichern, war für mich eine starke Motivation. Bei der Suva geht es nicht darum, die Rendite anonymer Aktionäre zu maximieren. Es geht darum, Verantwortung für die Versicherten wahrzunehmen.
Die Suva verwaltet rund 60 Milliarden Franken. Gab es Momente, in denen diese Verantwortung besonders spürbar war?
Ja, sehr deutlich während der Finanzkrise 2008 und 2009. Damals wusste man teilweise nicht, ob wichtige Finanzinstitute Montags nach dem Wochenende überhaupt wieder öffnen würden.
Unser Anlagevermögen ist global diversifiziert investiert. Anders lässt sich ein solcher Auftrag kaum erfüllen. Das bedeutet aber auch, dass man mit Finanzmärkten und Finanzakteuren weltweit verflochten ist. Die Zeit der Finanzkrise war anspruchsvoll. Am Ende haben wir sie zum Glück gut gemeistert.
Zahlen erzählen Geschichten
Als sogenannter Chief Financial Officer arbeiten Sie täglich mit Zahlen. Was bedeuten Zahlen für Sie?
Zahlen allein bedeuten mir wenig. Spannend werden sie, wenn man erkennt, welche Entwicklungen und Kräfte dahinterstehen. Zahlen erzählen eine Geschichte. Man muss sie nur richtig lesen.
Nehmen wir 1918 – welche Geschichte erzählt diese Zahl?
Natürlich zuerst: das Gründungsjahr der Suva. Aber 1918 war auch ein Jahr grosser Umbrüche. Der Erste Weltkrieg endete, die Spanische Grippe verbreitete sich weltweit, und in der Schweiz kam es zum Landesstreik.
Viele Menschen forderten damals mehr soziale Sicherheit und besseren Arbeitsschutz. In diesem Umfeld nahm die Suva ihre Arbeit auf: als nationale, obligatorische und sozialpartnerschaftlich geführte Unfallversicherung.
Hubert Niggli, Leiter Departement Finanzen und Informatik
«Zahlen werden spannend, wenn man erkennt, welche Entwicklungen dahinterstehen.»
Warum das Modell Suva überzeugt
Die Suva ist über 100 Jahre alt. Ist sie trotzdem modern?
Ja. Die Suva ist ein sozialpolitisches Erbstück der Schweiz, aber sie ist auch erstaunlich modern. Die Idee, eine Versicherung von den Versicherten selbst führen zu lassen, war damals fortschrittlich. Und sie ist es bis heute. Die Suva ist nahe bei den Versicherten, bei den Betrieben und bei den Sozialpartnern. Darin liegt ihre Stärke. Somit ist das Erbstück auch ein Schmuckstück.
Was ist für Sie die grösste Errungenschaft des Modells Suva?
Im Kern ist es die Selbstverantwortung der Versicherten. Die Suva wird von den Versicherten geführt, und das ist nicht nur auf dem Papier so.
Arbeitgeber, Arbeitnehmende und Bund bringen ihre Sicht direkt ein. Ich habe jedes Jahr viele Gespräche mit Verbänden, Gewerkschaften und Kunden geführt. Die Anliegen der Versicherten kommen bei uns sehr direkt an. Diese Nähe ist aus meiner Sicht entscheidend.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Suva-Rat erlebt?
Der Suva-Rat vertritt die Interessen der Versicherten und war gewissermassen auch mein Chef. Es war nicht immer einfach, anspruchsvolle Finanz- und Versicherungsthemen allgemein verständlich zu erklären und unterschiedliche Interessen zusammenzubringen.
Aber genau das machte die Aufgabe spannend. Ich habe die Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern immer als konstruktiv erlebt. Es wurde gerungen, aber mit dem Ziel, tragfähige Lösungen für die Versicherten zu finden.
Herausforderungen für den Werkplatz Schweiz
Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen für die Suva?
Die Suva versichert den Werkplatz Schweiz. Dieser steht derzeit unter Druck. Die geopolitische Lage ist angespannt und schwer berechenbar. Für eine kleine, stark vernetzte Volkswirtschaft wie die Schweiz ist das anspruchsvoll.
Gleichzeitig verändern KI, Digitalisierung und Robotik die Arbeitswelt. Auch das fordert den Werkplatz Schweiz. Unsere Aufgabe ist es, in diesem Umfeld ein verlässlicher, kostenbewusster und kundenorientierter Partner zu bleiben: in der Unfallversicherung, in der Prävention, im Schadenmanagement und in der Wiedereingliederung.
Worauf blicken Sie mit besonderer Zufriedenheit zurück?
Ich durfte mithelfen, die Suva von einer schwierigen finanziellen Lage zu ihrer heutigen sehr soliden Position zu führen. Davon profitieren die Versicherten direkt.
Die Prämienreduktionen der letzten Jahre sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis einer langfristigen, vorsichtigen und stabilen Entwicklung über viele Jahre. Das freut mich sehr. Denn es zeigt, wofür die finanzielle Stärke der Suva da ist: Sie kommt den Versicherten zugute.
Die Stabübergabe an Alexander Kohler
Wechsel in der Leitung Departement Finanzen und Informatik:
Am 1. Juli übergibt Hubert Niggli (l.) an seinen Nachfolger Alexander Kohler (r.).
Bald erfolgt die Stabübergabe. Was raten Sie als Ihrem Nachfolger Alexander Kohler?
Die Suva steht finanziell sehr solide da. Das ist eine gute Ausgangslage, aber auch eine Verpflichtung. Wichtig ist, die langfristige Perspektive nie aus den Augen zu verlieren.
Und wir verwalten kein abstraktes Vermögen, und auch nicht das Vermögen der Suva, sondern es ist das Geld der Versicherten. Das bedeutet ein grosse treuhänderische Verantwortung. Dieses Bewusstsein sollte jede finanzielle Entscheidung prägen.