Wiedereingliederung: «Sie waren wie eine Familie für mich»
Nach seinem Unfall konnte João Paulo Casimiro nicht mehr auf der Baustelle arbeiten. Vor ihm einen Haufen Behördenbriefe, die er nicht verstand und eine ungewisse Zukunft. Dank grosser Unterstützung fand er schliesslich seinen Weg zu einem neuen Beruf.
Inhalt
Kurz und bündig
Die Geschichte von João Paulo Casimiro ist eindrücklich:
- Ein Arbeitsunfall beendet den bisherigen Beruf.
- Ein unterstützendes Umfeld gibt ihm Halt und neue Perspektiven.
- Eine Umschulung ermöglicht den Weg zurück ins Arbeitsleben.
- 120 Prüfungsfragen und deren Antwortmöglichkeiten lernte er auswendig.
Lesen Sie hier die vollständige Geschichte.
In der Schweiz lebte er allein; seine Familie ist in Portugal. Zwar spricht und versteht Casimiro gut Deutsch, doch Lesen und Schreiben fallen ihm schwer. Nach dem Unfall wurde das zur zusätzlichen Belastung: Briefe, Formulare, Zahlen – und niemand, den er schnell fragen konnte. In dieser Zeit zweifelte er, ob er in der Schweiz bleiben könne. Heute sagt er: «Ohne die Unterstützung während der beruflichen Wiedereingliederung hätte ich das Land wohl verlassen.» Jobcoach Reto Sigg und Christoph Hauri, Fachmann für berufliche Eingliederung an der Rehaklinik Bellikon, begleiteten ihn auf dem Weg in einen neuen Beruf. Sie erklärten Abläufe, halfen bei der Bürokratie und gaben Halt in einer schwierigen Phase. «Sie waren wie eine Familie für mich», sagt Casimiro.
Es war eigentlich schon Feierabend
Am 23. Februar 2023 war João Paulo Casimiro auf einer Baustelle im Baselbiet im Einsatz. Es war nass, kalt und grau – typische Bedingungen für seine Arbeit. Seit vielen Jahren arbeitete er im Bau, meist draussen, körperlich fordernd und bei jedem Wetter. An diesem Abend war sein Team mit der Arbeit eigentlich fertig, der Feierabend stand kurz bevor. Doch ein anderes Team hatte noch ein Problem mit einem schweren Metallrohr, das sich im nassen Boden festgesetzt hatte. Weil alle denselben Dienstwagen nutzten, blieb Casimiro, um kurz zu helfen. Als sich das Rohr plötzlich löste, kam es zum Unfall. Die Sicherung gab nach, das Gewicht war nicht mehr kontrollierbar. Casimiro stand in diesem Moment allein da und versuchte instinktiv, das Rohr zu halten. Dabei spürte er sofort ein starkes Reissen im linken Arm – die Kraft war schlagartig weg. Aus Angst, das Rohr könnte ihm auf die Füsse fallen, hielt er noch einen Moment dagegen, rutschte dann auf dem nassen Boden aus und stürzte rückwärts. «Das war Glück», sagt er rückblickend. «Das Rohr fiel nicht auf meine Füsse.» Trotz Schmerzen arbeitete er weiter, wie so oft. «Ich hatte mir schon oft wehgetan und trotzdem weitergearbeitet. Selbst meinen kleinen Finger habe ich mir mehrmals – deshalb ist er heute krumm. Aber er funktioniert.» erzählt Casimiro mit einem Lächeln im Gesicht. Erst spät am Abend, gegen 21 Uhr, war Feierabend. Am nächsten Morgen stand er wieder auf der Baustelle. Der Arm liess sich kaum noch heben – vielleicht 15 Grad –, Kraft hatte er keine mehr. Casimiro versuchte dennoch zu arbeiten, bis sein Chef ihn ansah und wusste: «Wenn Paulo sagt, es geht nicht, dann geht es wirklich nicht.»
«Der Arm fühlte sich halb tot an»
«Zwei Sehnen an der linken Schulter waren gerissen», sagt Casimiro. Die vordere Bizepssehne war fast vollständig durchtrennt – eine Verletzung, die sich nicht von selbst regeneriert. Eine Operation nahte 1.5 Monate später. Schon damals stand fest, dass Casimiro seine körperliche Arbeit auf der Baustelle nicht mehr ausüben konnte. Die Ärztinnen und Ärzte rechneten mit mehreren Monaten Ausfallzeit. Er konnte den Arm kaum bewegen, Kraft hatte er fast keine mehr. «Am Anfang ging fast nichts», erinnert sich Casimiro. Selbst kleine Dinge wurden schwierig, der Arm fühlte sich «halb tot» an.
Nach der Operation begann die Rehabilitation: zuerst stationär in der Rehaklinik Bellikon, später mit intensiver Physiotherapie. Im Mittelpunkt: Bewegung, Aufbau und viel Geduld. Pilates, Kraftübungen, Klettern an der Wand – Schritt für Schritt kam die Beweglichkeit zurück. Heute ist nicht alles wieder wie früher. Schnelligkeit und Kraft fehlen ihm teilweise, doch vieles funktioniert wieder. Casimiro fährt wieder Velo, geht angeln und bewältigt den Alltag selbstständig. In den Ferien will er in Portugal wieder surfen. «Es muss nicht alles sein wie früher. Entscheidend ist für mich, dass es besser geht als nach dem Unfall. So gesehen bin ich völlig zufrieden.», sagte er.
Das Schwierigste war das Alleinsein
Casimiro spricht offen darüber, was ihn in dieser Zeit am meisten belastete: das Alleinsein. Nach dem Unfall war er in der Schweiz ohne Familie, da diese in Portugal lebt. Der Arm war fixiert, der Alltag kaum zu bewältigen. Dabei ist Casimiro ein Mensch, der Bewegung braucht. Hinzu kamen Briefe der Behörden – er konnte sie nicht verstehen und schon gar nicht einordnen. Niemand war da, den er rasch fragen konnte. Diese Situation setzte ihm psychisch stark zu. Casimiro berichtet, dass er in dieser Zeit eine depressive Phase durchlebte. In der Rehaklinik sprach er mit einer Psychologin, später erhielt er Medikamente. Doch er setzte sie selbst wieder ab: «Sie machten mich müde und nahmen mir die Energie. Ich wollte mich bewegen, mich aufraffen, weiterkommen – trotz der grossen Belastung.» Erleichterung kam, als Casimiro für die Physiotherapie nach Portugal zu seiner Familie reisen durfte. Ein spezialisierter Physiotherapeut kam regelmässig zu ihm nach Hause, aber noch wichtiger war sein Umfeld: seine Eltern, die Natur, das Meer, Spaziergänge, Sonne – ein Ort, an dem er wieder Luft bekam. Und als er wieder in der Schweiz war, sah er wieder Licht am Ende des Tunnels: Die Möglichkeit einer Umschulung gab Casimiro Hoffnung.
Casimiro findet seinen neuen Weg
In der Rehaklinik Bellikon erkannten Jobcoach Reto Sigg und Christoph Hauri, Fachmann für berufliche Eingliederung, Casimiros Potenzial. Sie ermutigten ihn, einen neuen Weg einzuschlagen. Gemeinsam mit der Rehaklinik und der IV prüfte Casimiro verschiedene Möglichkeiten für eine Umschulung. Ein Bürojob kam für ihn nicht infrage. Zwar ist er ausgebildeter Computertechniker und hätte sein Diplom anerkennen lassen können – doch er wusste, dass er unterwegs sein und sich bewegen wollte. Beim Durchsehen der Unterlagen blieb er bei einem ganz bestimmten Beruf hängen und musste nicht lange überlegen: «Das ist es», sagte Casimiro, «Buschauffeur!»
Die Steffen Bus AG gibt ihm die Chance
Kurz darauf kam die Steffen Bus AG in Remetschwil ins Spiel. Das Busunternehmen bietet seit Langem Schnuppertage für IV-Patientinnen und -Patienten an und war deshalb als Ausbildungsbetrieb bekannt. Der Kontakt erwies sich als Glücksfall. Für das Jahr 2025 standen bei der Steffen Bus AG vier Pensionierungen an. Das Unternehmen suchte frühzeitig Ersatz – und Casimiros Anfrage kam genau zum richtigen Zeitpunkt.
Im November 2024 begann er im Rahmen einer IV-Massnahme ein Praktikum bei der Steffen Bus AG. Am Morgen arbeitete er in der Werkstatt, lernte die Abläufe kennen und begleitete Buschauffeure und Buschauffeusen auf ihren Touren. Am Nachmittag bereitete er sich auf die Theorieprüfung vor, die für ihn die grösste Hürde darstellte. Da ihm das Lesen und Schreiben auf Deutsch schwerfiel, lernte er monatelang die 120 Prüfungsfragen und den Antwortmöglichkeiten auswendig. Die 52 Pflichtfahrstunden mit den 13.5 Meter langen Bussen bereiteten ihm dagegen kaum Mühe. Mit viel Engagement erreichte Casimiro sein Ziel: Er bestand die Prüfung, wurde Buschauffeur und fand dadurch den Weg zurück ins Berufsleben. Seit dem 1. September 2025 arbeitet er zu 100 Prozent bei der Steffen Bus AG. Sein Arbeitgeber zeigt sich ebenfalls zufrieden. «Es ist eine Win-win-Situation», sagt Personalleiterin Heidi Stadelmann. Ihr sei es wichtig, Firmen in der Region auf das Thema berufliche Wiedereingliederung aufmerksam zu machen und sie dazu zu motivieren, Menschen eine Perspektive zu geben. Im Oktober 2025 zog er nach Remetschwil – nur eine Minute vom Betrieb entfernt. Das Unternehmen besitzt dort ein Mehrfamilienhaus, in dem gerade eine Wohnung frei geworden war – ein weiterer glücklicher Umstand für Casimiro.
«Es gibt noch gute Menschen»
Mehrere Menschen spielten in der schwierigen Zeit zwischen Unfall und heute in Casimiros Leben eine zentrale Rolle. Diese gaben ihm Halt und wurden für ihn zu einer Art Familie. Besonders wichtig war für ihn, dass sich jemand kümmerte, Abläufe erklärte, Aufgaben koordinierte und verlässlich dabeiblieb. Lange hatte Casimiro geglaubt, es gebe keine guten Menschen mehr. Erst diese Erfahrungen änderten seine Sicht. Heute ist Casimiro zufrieden, auch wenn nicht alles wieder so ist wie früher. Er kann arbeiten und seinen Alltag selbstständig gestalten. Er hofft, dass sich sein Gesundheitszustand mit Zeit, Training und Geduld weiter verbessert. Was bleibt, ist tiefe Dankbarkeit – nicht als Floskel, sondern als Erfahrung: Andere glaubten an ihn, als er selbst nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Casimiro sagt «Menschen brauchen Menschen. Und ich bin dankbar, dass ich so gute kennenlernen durfte.»