Seeenergie: «Wir holen die Wärme aus 5 °C kaltem Wasser»
Das Suva-Gebäude Rösslimatt liegt nur wenige Gehminuten vom Ufer des Vierwaldstättersees entfernt, gleich hinter dem Bahnhof Luzern. Der Standort ist ideal, um eine grosse Betriebsliegenschaft wie die Rösslimatt mit Seeenergie statt wie bisher mit Gas zu beheizen. Wie die Suva das umsetzt, verrät Martin Rey im Interview.
Inhalt
Kurz und bündig
Die Suva hat am Standort Rösslimatt die Gasheizung durch erneuerbare Seeenergie aus dem Vierwaldstättersee ersetzt. Das Seewasser liefert ganzjährig stabile Energie zum Heizen und Kühlen.
- gesamthaft 160 Tonnen CO₂-Emission weniger pro Jahr
- Kombination mit Abwärme aus dem Rechenzentrum
- regionale Energieproduktion statt fossiler Importe
- Beitrag zum Ziel Netto-Null 2040 der Stadt Luzern
«In der Heiztechnik gelten 5 °C als warm»
Im Technikraum des Standorts Rösslimatt zwischen Warmwasserspeichern und dicken Leitungen erklärt Martin Rey, Leiter Technisches Facility Management bei der Suva, warum 5 °C kaltes Seewasser für ihn «warm» ist.
Unter Fachleuten gilt 5 °C kaltes Seewasser als warm. Wie ist das gemeint?
In der Heiztechnik vergleichen wir nicht mit Badetemperaturen, sondern mit der Wintertemperaturen. Wenn draussen -8 °C sind, bieten konstante +5 °C aus 30 bis 40 Metern Seetiefe tatsächlich eine gute Ausgangslage. Diese stabile Temperatur macht den See zu einer sehr verlässlichen Energiequelle.
«Wir arbeiten nicht mit heissem Wasser, sondern mit einem stabilen Temperaturniveau – das macht den Unterschied.»
Wie kommt das Seewasser ins Heizsystem?
Das Seewasser wird über ein dickes Leitungsrohr aus dem Vierwaldstättersee entnommen und zur See-Energiezentrale der Elektrizitätswerke Luzern (ewl) nahe dem Seeufer bei der Universität Luzern geführt. Dort wird dem Wasser über einen Systemtrenner (Wärmetauscher) Energie entzogen. Diese Energie, sogenannte Anergie, wird als Quelle für die Wärmepumpen via Verteilnetz in verschiedene Quartierzentralen übertragen. Nach der Übertragung fliesst das Seewasser wieder zurück in den See.
Wie entsteht daraus Heizwärme für die Rösslimatt?
Wir beziehen die Energie für die Rösslimatt von einer dieser Quartierzentralen, die unterhalb der Bäckerei Bachmann stationiert ist. Hier betreibt das ewl mehrere Wärmepumpen, welche das Wasser auf die gewünschte Temperatur anheben.
Das 55 bis 65 °C heisse Wasser wird anschliessend über eine Verbindungsleitung in unsere Energiezentrale in der Rösslimatt gepumpt. Dort wird die Wärme über einen weiteren Systemtrenner auf unser internes Wärmeverteilsystem übertragen. Von hier aus gelangt das heisse Wasser in die Radiatoren und Heizdecken. Bisher haben wir die Wärme mit einer Gasheizung produziert.
Wärmepumpen vom ewl
Was passiert im Sommer?
Im Sommer kehrt sich das Prinzip um. Dann liefert die Seeenergie Kälte, denn das Seewasser ist dann deutlich kühler als die sommerliche Lufttemperatur. Die Heizdecken funktionieren jetzt als Kühldecken und entziehen den Räumen Wärme. So schaffen wir ohne Zugluft ein angenehmes Raumklima.
Martin Rey, Leiter Technisches Facility Management Suva
«Wir kühlen ohne Kältemaschinen und damit ohne zusätzlichen Energieverbrauch.»
Abwärme aus dem Rechenzentrum bleibt zentral
Ein besonderer Vorteil der Rösslimatt: Im Gebäude läuft ein Rechenzentrum, dessen Server permanent Abwärme produzieren. Diese hat die Suva schon vor der Umstellung über eine eigene Wärmepumpe genutzt.
Welche Rolle spielt die Abwärme aus dem Rechenzentrum künftig?
Sie bleibt zentral. Dank der Abwärme produzieren wir konstant Wärme, die wir in unseren grossen Heizungsspeichern sammeln. Insgesamt fassen diese Heizungsspeicher 16 000 Liter. Über dieses Speichersystem beheizen wir das Gebäude und produzieren unser Warmwasser. Erst wenn diese Quelle nicht mehr ausreicht, liefert uns die Seeenergie vom ewl die restliche Wärme ins System.
Thermische Energie braucht Platz: Die Heizungsspeicher in der Rösslimatt fassen 16 000 Liter.
Nutzen der Umstellung auf Seeenergie
Apropos Netto-Null 2040: Wie viel Treibhausgas-Emissionen spart die Suva dadurch ein?
Seit dem Wechsel von Gas auf Seeenergie entfallen jährlich rund 160 Tonnen CO₂. Das entspricht etwa 1,5 Prozent der Emissionen von allen Suva-Immobilien. Für die Wärmepumpen nutzt das ewl erneuerbaren Strom.
Die Jahresarbeitszahl (JAZ) beträgt 4 bis 5. Das bedeutet, dass die Wärmepumpe aus 1 Kilowatt Strom 4 bis 5 Kilowatt Wärme erzeugt. Das ist sehr effizient.
Was ist der grösste Vorteil gegenüber Gas?
Der wichtigste Vorteil ist die deutlich geringere Umweltbelastung. Gleichzeitig bleibt die Wertschöpfung in der Region: Energie wird lokal aus der Umwelt gewonnen und mit regional produzierter Energie wie Wasserkraft oder Solarstrom veredelt. Das schafft Arbeitsplätze und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Energie-Importen. Nach wie vor importiert die Schweiz über 70 Prozent der Energie aus dem Ausland. Das entspricht rund 25 Mrd. Franken, die ins Ausland fliessen. Energie | Bundesamt für Statistik - BFS
Was motiviert Sie an diesem Projekt?
Als Vater von zwei Kindern ist es für mich selbstverständlich, für eine lebenswerte Umwelt einzustehen und erneuerbare Energien zu nutzen. Der Ausstoss von Treibhausgasen ist nicht gratis. 22 Prozent der schweizweit emittierten Treibhausgasemissionen stammen aus Gebäuden. Hier sehe ich grosses Potenzial. Damit wir den Systemwechsel rechtzeitig schaffen, brauchen wir die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Fachleute, die sich für die Gebäudetechnik engagieren.
«Mit Seeenergie reduzieren wir die Umweltbelastung deutlich und schaffen gleichzeitig Wertschöpfung in der Region.»
Martin Rey, Leiter Technisches Facility Management Suva
Das Ziel Netto-Null 2040 vor Augen
Mit der Energiestrategie der Stadt Luzern von 2022 hatte Heizen mit Gas keine Zukunft mehr. Seeenergie war für die Suva die nachhaltigste und konsequenteste Lösung. Gleichzeitig wurde die Rösslimatt saniert. Bei der Gebäudesanierung hat die Suva bewusst auf Heiz- bzw. Kühldecken gesetzt, ein System, das sich ideal zum Nutzen von Seeenergie eignet. Gleichzeitig leistet dies einen wichtigen Beitrag zum Netto-Null-Ziel 2040 der Stadt Luzern.
Vorteile für alle: Zusammenarbeit ewl und Suva
Anlagen zur Bereitstellung thermischer Energie sind technisch anspruchsvoll sowie mit hohem Platz- und Kostenaufwand verbunden. Daher ist es sinnvoll, dass eine Quartierzentrale mehrere Gebäude gleichzeitig versorgt. So können die Investitionskosten auf mehrere Parteien verteilt und die Anschlusskosten reduziert werden. Die effiziente Umsetzung eines solchen Projekts gelingt dabei am besten in Kooperation mit der lokalen Energieversorgerin ewl.
Anders als in klassischen Public-Private Partnerships (PPP) wurde das Seeenergieprojekt vom ewl initiiert. Die Suva hat die Möglichkeit genutzt und sich diesem Projekt angeschlossen. Dabei hat sie dem ewl einen Teil ihrer Rauminfrastruktur für die neue Zentrale zur Verfügung gestellt.
Beat Dellenbach hat das Projekt als Projektleiter Wärmetechnik bei ewl realisiert. «Die Suva hat uns in dem Vorhaben sehr unterstützt, indem sie uns Raum für Anlagen zur Verfügung gestellt hat.»