Stromschlag: So wirkt Strom im Körper
Es war nur eine Sekunde. Ein Griff zur Steckdose, ein defektes Kabel, ein kurzer Kontakt und plötzlich durchzuckt unsichtbare Elektrizität den Körper. Für viele fühlt sich ein Stromschlag wie ein kleiner «Zwick» an. Für andere ist es der Moment, der ihr Leben für immer verändert.
Inhalt
Kurz und bündig
Elektrizität ist unsichtbar, geräusch- und geruchlos. Deshalb werden Ihre Risiken häufig unterschätzt.
- Bei Stromunfällen ist das Risiko eines tödlichen Unfalls viermal höher als bei anderen Unfällen.
- Bereits 230 Volt Wechselspannung (Netzspannung) können tödlich sein.
- Schon ab etwa 15 Milliampere können sich unsere Muskeln so stark verkrampfen, dass wir eine stromführende Leitung nicht mehr loslassen können.
In diesem Artikel erfahren Sie, was bei einem Stromschlag im Körper geschieht.
Jährlich gibt es unzählige Stromunfälle
Viele der rund 2.2 Millionen Vollbeschäftigten, die bei der Suva versichert sind, kommen bei ihrer täglichen Arbeit mit Elektrizität in Kontakt. Das ist kein Problem, wenn die Arbeitsmittel und Maschinen in gutem Zustand sind und bestimmungsgemäss verwendet werden.
Strom: die unsichtbare, geräusch- und geruchlose Gefahr
Einige unserer Versicherten arbeiten in ihrem Beruf an elektrischen Anlagen und Installationen. Dies als Mitarbeitende von Elektrizitäts-, Elektroinstallations- und Elektrokontroll-Unternehmen, als Betriebselektriker oder -elektrikerinnen in Industrie und Gewerbe sowie als Ausbildner oder Ausbildnerinnen in Schulen und Betrieben. Sie alle wissen: Strom ist gefährlich, denn er ist unsichtbar, geräusch- und geruchlos. Spüren wir ihn, ist es meist schon zu spät.
Grossteil der Unfälle geschieht bei Niederspannung
Das Risiko, bei einem Elektrounfall das Leben zu verlieren, ist 4-mal höher als bei anderen Unfällen. Dennoch werden die «5 5 lebenswichtigen Regeln im Umgang mit Elektrizität» oft nur halbherzig angewandt oder ignoriert. Insbesondere beim Umgang mit Niederspannung. Die Folgen sind fatal: Jährlich werden dem eidgenössischen Starkstrominspektorat (ESTI) rund 900 Elektrounfälle gemeldet. Bei praktisch allen der gemeldeten Unfälle handelt es sich um Berufsunfälle, weil die Meldepflicht im privaten Umfeld weitgehend unbekannt ist. Ein Grossteil der Unfälle geschieht bei vermeintlich «harmloser» Niederspannung.
Zwischen 2015 und 2024 verloren 11 Menschen dabei ihr Leben.
Was passiert bei einem Stromschlag?
Strom ist nichts anderes als bewegte elektrische Ladung. Unser Herz, unsere Muskeln und unser Nervensystem arbeiten mit elektrischen Impulsen. Ein Stromschlag bringt dieses System durcheinander. Manchmal nur kurz, manchmal mit tödlichem Ausgang.
Typische Symptome nach einem Stromschlag:
- Muskelverkrampfungen (nicht mehr loslassen können)
- Herzrhythmusstörungen bis zu Kammerflimmern
- Atemstillstand
- Verbrennungen (innerlich und äusserlich)
Merken wir einen Stromschlag sofort?
Ja, oft nehmen wir einen Stromschlag als Kribbeln, Schmerz oder heftigen Ruck wahr. Das Heimtückische daran: Die gefährlichsten Schäden passieren manchmal unbemerkt im Inneren unseres Körpers.
Stromstärke: Wann wird uns Strom gefährlich?
Die wichtigste und oft überraschende Erkenntnis: Nicht die Spannung in Volt allein bestimmt, wie gefährlich ein Stromschlag ist. Entscheidend ist die Stromstärke in Ampere, die tatsächlich durch den Körper fliesst. Sie hängt von der Spannung und vom Körperwiderstand ab und der variiert je nach Hautfeuchtigkeit, Kontaktfläche und Untergrund erheblich.
Eine elektrostatische Entladung des Teppichbodens ist trotz 30 000 Volt ungefährlich, weil die Energie winzig ist. Hingegen ist das Annähern an eine Hochspannungseinrichtung mit ebenfalls 30 000 Volt lebensgefährlich, weil ein Spannungsüberschlag (Lichtbogen) und damit hoher Stromfluss droht.
- ab 1 mA: spürbar
- ab 5 mA: Ameisenlaufen (Kribbeln)
- ab 15 mA: lebensgefährlich (Muskelkrampf → «Loslassgrenze Strom»)
- ab 50 mA: lebensgefährlich (Atemprobleme), hohes Risiko für tödliches Kammerflimmern
- ab 80 mA: meist tödlich (Todesschwelle), nach 0.3–1 Sekunde Einwirkzeit ist Herzkammerflimmern sehr wahrscheinlich
Kleinspannung
Spannungen bis 50 Volt Wechselspannung (AC) oder bis 120 Volt Gleichspannung (DC) gelten als Kleinspannung. Sie sind meist nicht gefährlich, weil dabei normalerweise kein lebensbedrohlicher Stromfluss im Körper entsteht.
Aber Achtung: Bei einem Kurzschluss können, je nach vorhandener Energie, Lichtbögen auftreten, die zu schweren Verbrennungen führen können. Zum Beispiel bei Batteriesystemen.
Niederspannung
Spannungen über 50 bis 1000 Volt AC oder über 120 bis 1500 Volt DC gelten als Niederspannung.Hier wird es kritisch: Je nach Körperwiderstand und Situation kann bereits ein gefährlicher oder sogar tödlicher Stromfluss entstehen.
Hochspannung
Spannungen über 1000 Volt AC oder über 1500 Volt DC gelten als Hochspannung.In diesem Bereich besteht akute Lebensgefahr. Schon das Annähern an eine Hochspannungseinrichtung kann ausreichen, weil sich dabei ein sogenannter Lichtbogen (Stromüberschlag durch die Luft) bilden kann. Dieser kann schwere Verbrennungen verursachen und im schlimmsten Fall tödliche Stromunfälle auslösen, zum Beispiel beim Kontakt mit Bahnstromleitungen.
Die Frage, ab wie viel Volt Strom tödlich ist, lässt sich deshalb nicht pauschal beantworten. Bereits 230 Volt können tödlich sein.
Blitzschlag
Ein Blitz ist die extremste Form eines Stromschlags.
- Spannung: bis zu 100 Millionen Volt
- Stromstärke: bis zu 200 000 Ampere
Und trotzdem überleben Menschen einen Blitzschlag, weil die Einwirkzeit extrem kurz ist.
«Loslassgrenze»: Wenn der Körper festhält
Ein besonders gefährlicher Punkt ist die sogenannte «Loslassgrenze». Ab etwa 15 mA verkrampfen sich unsere Muskeln so stark, dass wir eine stromführende Leitung nicht mehr loslassen können.
Das bedeutet:
- längere Einwirkungsdauer des Stroms
- höheres Risiko für tödliche Folgen
Erste Hilfe nach einem Stromschlag
Besonders heimtückisch ist, dass betroffene Personen die durch Strom provozierten Schäden oft nicht unmittelbar spüren. Strom kann den Elektrolythaushalt verschieben, wodurch die Impulsgebung des Herzens über Stunden hinweg immer instabiler wird, bis es stolpert, flimmert oder aussetzt. Daher müssen Sie Personen, die einen Stromschlag erlitten haben, zwingend ins Spital oder zu einem Arzt oder einer Ärztin bringen. Auch, wenn es ihnen vermeintlich gut geht. Klagen Betroffene nach dem Stromschlag über Herzrasen, Herzstolpern, Atemnot oder ein Krampfgefühl in der Brust, rufen Sie bitte sofort den Rettungsdienst (Tel. Nr. 144).
Hauptsächliche Unfallursache: Regeln verletzt
Hauptursächlich für Elektrounfälle ist in erster Linie das Missachten der 5+5 lebenswichtigen Regeln. Hinzu kommen fehlende Fachkenntnisse, Zeitnot, Ablenkung, Unklarheit über den Zustand einer elektrischen Anlage, handwerkliches Unvermögen oder falsches Werkzeug. Laut Statistik des Eidgenössischen Starkstrominspektorats (ESTI) könnten rund die Hälfte aller Unfälle durch konsequentes Einhalten der Sicherheitsregeln für spannungsfreies Arbeiten vermieden werden.
Die Auswirkungen eines Elektrounfalls bei Niederspannung lassen sich durch den konsequenten Einsatz von Fehlerstromschutzschaltern (RCD, FI) stark abmildern. Ein RCD ist so konzipiert, dass er bei einem Fehlerstrom automatisch ausschaltet. Die für den Personenschutz am häufigsten verwendeten Typen lösen bei 30 mA nach 0,3 Sekunden aus.
Hilfreiche Links:
Lehrmittel der Suva: 5 5 lebenswichtige Regeln im Umgang mit Elektrizität.