Wiedereingliederung: Wieder auf den eigenen Füssen stehen
Am 15. Januar 2024 fiel eine 470 Kilogramm schwere Pumpe auf seinen linken Fuss. Was nach einer unachtsamen Sekunde klingt, hätte fast zur Amputation geführt. Im Herbst 2025 steht Joël Weibel wieder im Betrieb – auf seinen eigenen Füssen.
Inhalt
Kurz und bündig
Die Geschichte von Joël Weibel zeigt eindrücklich:
- Ein unachtsamer Moment kann alles verändern.
- Mut und Wille führen zurück ins Leben.
- Suva, IV und Arbeitgeber ziehen am selben Strang.
- Wiedereingliederung gelingt Schritt für Schritt.
Lesen Sie hier die vollständige Geschichte.
Es riecht nach Metall, Öl und holziger Werkbank in der Werkstatt der CP Pumpen AG in Zofingen. Mitarbeitende arbeiten an schweren, blau lackierten Präzisionspumpen, ein Hämmern hallt durch die Luft, im Hintergrund läuft Viva la Vida von Coldplay. Mittendrin Joël Weibel, der gerade sein z’Nüni isst. Der 30-Jährige steht in Sicherheitsschuhen in der «Bude» und wirkt offen und freundlich. Niemand würde auf den ersten Blick vermuten, welche Höhen und Tiefen er durchlebt hat.
Der Moment, der alles veränderte
Unfallstatistiken zeigen: Die meisten Berufsunfälle passieren am Montagmorgen. Auch Joël Weibel startete am Montag in den Arbeitsalltag – nur kurze Zeit später landete er im Spital. «Wir wollten gerade eine 470-Kilo-Pumpe verschieben, als sie ins Kippen geriet. Reflexartig stellte ich meinen linken Fuss dagegen. Im nächsten Moment lag ich am Boden, Adrenalin schoss durch meinen Körper», erinnert er sich. Er zog den Schuh aus und sah, dass sein Fuss s-förmig gekrümmt war. Sein Chef war direkt neben ihm. Er sah Weibel an und schrie: «Du musst sofort ins Spital!»
Wie in einem schlechten Film
Ein Arbeitskollege und Betriebssanitäter fuhren Weibel ins Spital, das nur drei Autominuten entfernt ist. «Fahr einfach, ich halte die Schmerzen nicht mehr aus», ächzte Weibel damals zu ihm, als dieser wegen einer roten Ampel an der Kreuzung anhielt. Wenn Weibel an die Situation denkt, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht: «Zum Glück hat er gewartet, bis es grün wurde.»
Im Spital ging alles schnell. Die Diagnose: mehrere komplizierte Brüche. Einige Knochen waren so stark beschädigt, dass sie zu feinem Staub zerbröselt waren. Dann die Hiobsbotschaft des Arztes: Sie würden seinen Fuss während der Operation amputieren müssen. Weibel erinnert sich: «Ich war fassungslos. Ich laufe Halbmarathon, habe zwei Hunde – Laufen ist für mich Freiheit. Es fühlte sich an wie in einem schlechten Film.» Doch Weibel sagte zum Arzt: «Wir machen jetzt das Beste daraus. Ich vertraue Ihnen.» Dann wirkte die Narkose und er schlief er ein.
Kampf um den Fuss
Nach dem Erwachen kam die Erleichterung: Der Fuss war noch dran. «Ich war einfach nur dankbar.» Dank des schnellen Eingreifens konnte die Amputation verhindert werden. Die Rettung des Fusses war erst der Anfang seines langen Weges. Fünf weitere Operationen sollten folgen.
Die Rückkehr nach Hause
Nach der vierten Operation wurde Weibel aus dem Spital entlassen. Er zog vorübergehend zu seinen Eltern. Seine Mutter, Hausfrau, und sein Vater, bereits pensioniert, kümmerten sich rund um die Uhr um ihn. Die Wohnung wurde umgestellt – Wege freigeräumt, Möbel verschoben, damit er sich mit dem Rollstuhl besser bewegen konnte. Drei Monate lang war Weibel praktisch ans Bett gefesselt. «Ich konnte kaum laufen, nahm bis zu 25 Tabletten am Tag. Ich war auf Hilfe angewiesen – Tag und Nacht.» Dinge, die früher selbstverständlich waren, wurden plötzlich zur Herausforderung. Am Morgen brauchte er manchmal bis zu eineinhalb Stunden, um sich einen Kaffee zu machen. Alles ging schleppend voran, jeder Handgriff kostete Kraft und Geduld. «Ich fühlte mich, als wäre ich ein alter Mann.»
Geduld und Rückschläge
«Ich habe gelernt, das Leben wieder ganz neu zu schätzen», sagt Weibel. Dinge, die früher selbstverständlich erschienen – gesund zu sein, selbst einkaufen zu gehen, arbeiten zu können – haben für ihn eine neue Bedeutung bekommen. Im Alltag denke man oft nicht darüber nach, so Weibel. Erst wenn plötzlich alles weg sei, erkenne man, «was man hatte.» In der Reha in Bellikon fand er langsam zurück zu sich selbst. Weibel trainierte täglich, lernte, wieder aufzustehen, Schritt für Schritt. Dabei traf er andere Betroffene – Menschen, die ähnliche oder noch schwerere Schicksale erlitten hatten. «Das hat mir Kraft gegeben. Zu hören, dass andere trotz Amputation zurück ins Leben gefunden haben, war unglaublich motivierend.»
Doch die Genesung verlief nicht ohne Rückschläge. Bei einer Routinekontrolle zeigte das Röntgenbild: Der Fuss war wieder gebrochen. «Ich war geschockt, denn ich hatte überhaupt nichts gespürt und dachte, ich sei über den Berg.» Es musste erneut operiert werden. Danach folgten weitere Monate voller Schmerzen, Geduld und Hoffnung. Beim letzten Gespräch mit dem Reha-Team war klar: Der Fuss hält, die Heilung ist stabil. «Das war der Moment, an dem ich wusste: Ich habe es geschafft», sagt er.
«Wir brauchen dich!»
Von Beginn an spürte Weibel Rückhalt – von seiner Frau, seiner Familie, aber auch von seinem Arbeitgeber, der CP Pumpen AG in Zofingen. «Wir haben ihm gesagt: Joëls Platz bleibt frei – egal wie lange seine Genesung dauert», sagt Samuel Basler, COO der CP Pumpen AG. «Wir brauchen ihn – als Fachmann und als Menschen.» Sein Team blieb während der langen Reha-Zeit in Kontakt – mit Nachrichten, Besuchen und kleinen Gesten, die ihm das Gefühl gaben, dazuzugehören.
Die Rückkehr ins Arbeitsleben erfolgte schrittweise: 50 Prozent im März und dann jeden Monat zehn Prozent mehr. Niemand setzte ihn unter Druck, niemand drängte ihn zur Eile. Diese Geduld und Unterstützung gaben ihm das Vertrauen, dass er es schaffen würde. Seit Mitte August 2025 arbeitet Weibel wieder 100 Prozent. «Ich bin dankbar, als leidenschaftlicher Handwerker zurück in die ‹Bude› zu können.»
Gemeinsam stark
Während seiner Genesung war Joël Weibel nie auf sich allein gestellt. Die Zusammenarbeit zwischen Suva, Invalidenversicherung (IV), CP Pumpen AG und den behandelnden Ärztinnen und Ärzten verlief von Beginn an reibungslos.
«Die Suva und die IV haben immer zu mir geschaut und am selben Strick gezogen – das hat mir enorm viel Sicherheit gegeben», sagt Weibel. Dankbar ist er auch seiner Case Managerin, Gaby Landis. Sie stand in engem Kontakt mit ihm, koordinierte die nächsten Schritte und sorgte dafür, dass alle Beteiligten stets informiert waren.
Auch im Betrieb blickt man positiv auf den Prozess zurück. Samuel Basler hebt den offenen Austausch hervor: «Man spürte, dass das gemeinsame Ziel im Zentrum stand Joël so zu unterstützen, dass er langfristig wieder gesund und mit Freude zurückkehren kann. Die Kommunikation war offen, schnell und lösungsorientiert – das hat den gesamten Prozess erleichtert.»
«Solange ich laufen kann, bin ich frei»
Der Unfall hat Weibels Leben auf den Kopf gestellt – nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Er hat gelernt, anders mit sich umzugehen: achtsamer, geduldiger, bewusster. Stress und Selbstzweifel, die ihn früher begleiteten, haben an Bedeutung verloren. «Früher hatte ich oft Angst, nicht gut genug zu sein. Heute stresst mich das nicht mehr.» Heute hört er auf seinen Körper, achtet auf Pausen und Sicherheit, bevor er handelt. Wenn Weibel über seinen Weg spricht, klingt er weder verbittert noch pathetisch. «Ich war schon als Jugendlicher dankbar», sagt er, «aber durch den Unfall hat sich dieses Gefühl vertieft.» Wenn er heute zurückblicke, sehe er nicht nur den Unfall, sondern auch, was er ihn gelehrt hat: Geduld, Dankbarkeit und den Wert von Unterstützung. Er habe gelernt, wie viel Kraft man entwickeln könne, wenn Familie, Freunde und Arbeitgeber hinter einem stehen. Und Weibel ist überzeugt: «Solange ich laufen kann, bin ich frei.»