Sichere Lehrzeit: Das Tor verfehlt, aber das Ziel getroffen
Am Erlebnisparcours der Suva sammeln Lernende Erfahrungen rund um die Arbeitssicherheit. Marisa und Rohyth sind im September 2025 auf diesem Parcours unterwegs – diskutierend, staunend, beobachtend und mit viel Spass.
Inhalt
Kurz und bündig
Marisa und Rohyth absolvieren den Erlebnisparcours der Suva und lernen, wie Arbeitssicherheit für Lernende in Beruf und Freizeit konkret umgesetzt wird.
- Interaktive Elemente wie Seh-Simulationen, Stolperparcours oder Helmtests machen Risiken spürbar und fördern nachhaltige Unfallprävention in der Berufsbildung.
- Zentral ist, dass sich die Lernenden getrauen, STOPP zu sagen.
- Es lohnt sich, die Lernenden schon ab Tag 1 für Arbeitssicherheit zu sensibilisieren.
Lesen Sie hier die Reportage.
Der Schuss geht meilenweit neben das Tor. Lernende lachen schallend, weil sie es auch nicht besser konnten – nicht mit dieser Brille, die eine Augenverletzung simuliert. «Ich möchte ganz bestimmt nicht an den Augen verletzt werden», sagt Rohyth Ganeshkanna. «Das muss sehr schlimm sein.»
Rohyth und Marisa Sae-Wang lernen beide den nicht ganz ungefährlichen Beruf Produktionsmechaniker/-in. Sie sind zwei von 1400 Lernenden, die im Kanton Solothurn den Erlebnisparcours der Suva absolvieren und Erfahrungen sammeln, wie Unfälle passieren und wie sie sich schützen können.
Die Zahlen: Lernende verunfallen häufiger
Dass der Erlebnisparcours gezielt Lernende anspricht, hat gute Gründe: Sie verunfallen während der Arbeit doppelt so häufig wie ausgelernte Mitarbeitende. 20 Prozent der Auszubildenden verletzen sich während der Freizeit, das ist ein rund 80 Prozent höheres Risiko als für Erwachsene. «Dies wollen wir nicht so stehen lassen», erklärt Caroline Marfurt, Produktmanagerin Prävention und verantwortlich für das Thema Sichere Lehrzeit bei der Suva. «Wir bieten mit der Kampagne «Sichere Lehrzeit» vielfältige Präventionsmodule und Hilfsmittel für Berufsbildende und Lernende. Mit diesen wollen wir erreichen, dass sich die Jugendlichen mit dem Thema Arbeits- und Freizeitsicherheit auseinandersetzen. Im Angebot haben wir beispielsweise den Erlebnisparcours, das Arbeitsheft «10 Schritte für eine sichere Lehrzeit» inklusive STOPP-Ausweis, die so genannte Danger Zone und vieles mehr.»
Der Erlebnisparcours: Staunen, lernen und lachen
«Anfangs war ich schüchtern», sagt Marisa, «heute traue ich mich, STOPP zu sagen.» Das macht sie auf dem Parcours, als sie unsicher ist, mit welchem Handschuh sie ein Werkzeug aus einer ätzenden Flüssigkeit greifen soll. Und sie macht es bei der Arbeit. «Ich habe den STOPP-Ausweis immer dabei, aber ich sage auch ohne ihn STOPP, wenn ich mich nicht sicher fühle.»
Das Quiz gefällt ihr gut, «ich wusste nicht, dass die meisten Freizeitunfälle beim Fussball passieren, weil man vielleicht aggressiv spielt», sagt sie. Für Aggressivität ist sie weniger der Typ, auch nicht im Job. «Ich arbeite vorsichtig und habe Respekt vor den Maschinen», sagt sie.
Den wackeligen Stolperparcours meistern die beiden Lernenden gekonnt und halten sich am Handlauf fest, «obwohl ich das sonst selten mache», wie Rohyth auffällt. Sie lassen sich eine Billardkugel auf ihren Helm donnern und staunen, wie sehr das kracht – aber der Kopf dank Helm ganz bleibt. Und die Aufgabe rund um Hirnverletzungen, wo sie etwas im Spiegel nachzeichnen müssen, treibt beide fast in den Wahnsinn.
«Uns ist es wichtig, die Lernenden auf eine interaktive und praxisnahe Weise für das Thema zu sensibilisieren», sagt Bernhard Beutler, Direktor des Berufsbildungszentrums Solothurn-Grenchen. «Der Erlebnisparcours regt zum Mitdenken an und vermittelt diese Inhalte spannend, abwechslungsreich und nachhaltig. Besonders gefällt mir, dass man durch eigenes Erleben besser versteht, wo die Gefahren im Berufsalltag lauern. Wir werden diesen Parcours nun regelmässig und flächendeckend durchführen.»
Die Ursachen: Unsicher, abgelenkt oder unerfahren
Es gibt viele mögliche Ursachen, weshalb Lernende doppelt so häufig verunfallen als ausgelernte Mitarbeitende: Unsicherheit, Unerfahrenheit, Ablenkung oder jugendlicher Leichtsinn beispielsweise.
«Auch Erwachsene sind unsicher, wenn sie etwas Neues machen», sagt Kilian Bärtschi, Agenturleiter der Suva Solothurn. «Ein junger Mensch kommt zudem aus einem behüteten Umfeld, hat keine Erfahrung und kann daher die Gefahren im beruflichen Umfeld nicht einschätzen. Vielleicht überschätzt er sich oder er wurde nicht ausreichend instruiert. Allenfalls fehlt der Mut, STOPP zu sagen, wenn man etwas nicht verstanden hat oder eine Situation gefährlich ist.»
«Aus meiner Sicht sind vor allem die fehlende Erfahrung und die Ablenkung Gründe für mehr Unfälle», denkt Rohyth. «Lernende müssen sich bewusst sein, dass sie nun nicht mehr zur Schule gehen. Wenn man unaufmerksam ist und mit Kollegen redet, kann schnell etwas passieren. Für mich war von Anfang an klar, dass ich vorsichtig und konzentriert arbeiten und mich an die Regeln halten muss.»
Passiert ist ihm im Job noch nichts. Aber in der Freizeit. Er stürzte mit dem Roller und brach sich zwei Finger. Auch Marisa erinnert sich an eine solche Erfahrung. «Als ich klein war, stürzte ich mit dem Velo», erzählt sie. «Der Kinnriemen am Helm war nicht angezogen. Der Helm flog weg, ich schlug mit dem Kopf auf und habe seither eine Narbe über dem Auge.»
Die Sensibilisierung: Instruieren, begleiten und erleben
«Wir erreichen jene Lernenden besser, die solche Erfahrungen machten», sagt Ilija Blatancic. Er ist Berufsbildner von Rohyth bei der Heinz Hänggi Swiss Stamping Solutions GmbH. «Wir müssen ihnen die wichtigen Regeln erklären und vorleben», sagt er. Der Erlebnisparcours mit seinen sieben Stationen ist eine sichere Variante, um eben diese Erfahrungen zu sammeln, mögliche Szenarien zu erleben und Regeln zu verstehen.
«Die Sensibilisierung zum Lehranfang ist enorm wichtig», betont auch Elias Basler, Berufsbildner von Marisa bei der login Berufsbildung AG. «Sicherheit darf kein Tabu sein, man soll darüber reden, so viel und so oft wie möglich. Vor der Geschwindigkeit der Arbeit steht immer die Sicherheit.»
Marisa bestätigt Elias’ Aussage: «Alle paar Minuten schaut jemand, wie es uns geht, wie wir arbeiten oder ob wir abgelenkt sind.» Und dann hämmert sie noch einen Ball neben die Torwand. Ein Schuss, der das Tor verfehlt, aber das Ziel des Erlebnisparcours trotzdem trifft: Lernende für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zu sensibilisieren.