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Sichere Lehrzeit: Als Berufsbildner/-in Vorbild sein

Jugendliche hören nicht, was Erwachsene sagen – sie sehen, was sie tun. Neurowissenschaftlerin und Hirncoach-Gründerin Barbara Studer erklärt, wie Authentizität Unfälle verhindern hilft, wie man mit Gruppendruck umgehen kann und wie Jugendliche glücklich werden.

Interview: Stefan Joss; Foto: studertalk GmbH
01.12.2025
ca. 8 min

Inhalt

Kurz und bündig

Neurowissenschaftlerin Barbara Studer geht in diesem Interview auf zentrale Fragen von Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern im Bezug auf Arbeitssicherheit ein, zum Beispiel:

  • Wie hole ich Jugendliche ins Boot? 
  • Wie kann ich sie motivieren? 
  • Wie zeige ich ihnen die Bedeutung von Dingen auf: zum Beispiel die Wichtigkeit der persönlichen Schutzausrüstung?

Lesen Sie hier, wie man zum Vorbild statt zum Besserwisser wird. 

Barbara Studer, wie erleben Sie selbst die Jugend?

Mir gefällt, dass Jugendliche «voll dabei» sind, wenn sie für etwas motiviert sind. Dann fangen sie schnell Feuer, das finde ich etwas sehr Schönes. Entscheiden Jugendliche hingegen für sich: «Das interessiert mich nicht», können sie sehr gut blockieren. 

Für Berufsbildende lauten die grossen Fragen: Wie holt man die Jugendlichen ins Boot? Wie kann man sie motivieren? Wie zeigt man ihnen die Bedeutung von Dingen auf: zum Beispiel die Wichtigkeit der persönlichen Schutzausrüstung? Und weil die Peers – die Gleichalterigen, Gleichgesinnten – ja so wichtig sind: Wie holt man sie in ein Team hinein? 

Was passiert in einem jugendlichen Gehirn?

In der Pubertät wird das Gehirn grundlegend umgebaut. Dabei reifen emotionale Zentren und Strukturen, die für Belohnungen zuständig sind, schneller als jene für die Selbstregulation. Diese stabilisieren sich erst mit rund 25 Jahren. Deshalb stehen Emotionen, soziale Zugehörigkeit und Belohnung während der Pubertät so im Vordergrund. 

Prävention sollte somit am besten emotional vermittelt werden, partizipativ, lebensnah bei den Menschen. Nicht rein rational, sondern durch Erleben, Feedback und Beziehungen. Den Ansatz des Suva-Erlebnisparcours finde ich deshalb toll.

Warum soll Unfallprävention schon in der Lehre stattfinden?

Das heranreifende Gehirn ist sensibel und braucht Schutz. Im Jugendalter etablieren sich viele Gewohnheiten. Es ist kraftvoll, diese bereits in der Jugendzeit auf eine gute Weise aufzubauen und zu festigen. Schädliche Gewohnheiten begünstigen Unfälle.

Nicht nur fehlende Schutzausrüstung, sondern auch ein ungesunder Lebensstil wie Schlafmangel, Bewegungsmangel, chronischer Stress, übermässiger Medienkonsum oder unausgewogene Ernährung können die Entwicklung negativ beeinflussen und gleichzeitig das Unfallrisiko erhöhen.

Wie können Berufsbildner/-innen Jugendliche beim sicheren Arbeiten unterstützen?

Auf der Beziehungsebene ist es wichtig, Verständnis für die Jugendlichen zu entwickeln, statt rasch zu bewerten und zu verurteilen. Verständnis entsteht, wenn ich weiss, wie das jugendliche Gehirn funktioniert. Zum Beispiel, dass Jugendliche das Risiko suchen oder dass sie sich stark an sozialen Beziehungen orientieren. 

Jugendliche brauchen Erwachsene, die klar in der Haltung sind und gleichzeitig zeigen, dass ihnen die Beziehung zu ihnen wichtig ist. 

Weil für Jugendliche die Peers zentral sind, sollten wir versuchen, Sicherheitsthemen in einer Gruppe zu vermitteln und die gemeinsame Motivation der Gruppe zu nutzen.

Treten Herausforderungen auf – wie zum Beispiel Ablenkung –, können Berufsbildende mit den Lernenden in einen Dialog gehen mit der Frage «Wie können wir es erreichen, dass du an etwas länger dranbleibst, ohne dich ablenken zu lassen?» Eine Lösung kann sein, das Handy nur in Pausen oder nur über Mittag zu nutzen. 

Im Dialog lassen sich Strategien entwickeln: Was hilft dir, dranzubleiben, wenn es schwierig wird? Es geht darum, mit den Jugendlichen darüber zu reden und Strategien zu entwickeln, statt einfach anzunehmen, dass sie das schon können. 

Was verstehen Sie unter Vermittlung in der Gruppe?

Jugendliche orientieren sich stark an den Peers. Deshalb lohnt es sich, die Sicherheit in der Gruppe auf spielerische Art anzusprechen – zum Beispiel als Challenge. Findet mein Kollege in der Gruppe das cool, finde ich es auch cool. Ist meine Kollegin motiviert, bin ich es auch. 

Wenn «nur» die Chefin oder der Chef sagt, dass etwas wichtig ist, ist es für Jugendliche weniger relevant.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für so eine Challenge?

Jugendliche mögen Games mit rasch erreichbarer Belohnung. Diese «Game-Prinzipien» könnte man auch für Prävention nutzen, zum Beispiel: «Wenn ihr in der Gruppe etwas schafft, gibt es für euch etwas Spezielles: eine Auszeichnung, mehr Autonomie in gewissen Aufgaben oder vielleicht mehr Verantwortung.» Es lohnt sich, mit den Jugendlichen im eigenen Betrieb herauszufinden, welche Art von Belohnung sie motivieren würde. Diese muss nicht immer materiell sein. 

Wie wird man als Berufsbilder/-in zum Vorbild?

Jugendliche erkennen rasch, wie wir Erwachsenen uns geben und handeln, hören aber nicht immer, was wir sagen. Wir sollten deshalb nicht perfekt sein, sondern vor allem authentisch. Jugendliche dürfen spüren, dass ich sie mag und sie nicht einfach belehren will. Sie sollen erleben, wie ich selbst mit Fehlern und Stress umgehe. Mache ich Pausen, statt noch eine weitere Arbeit zu beginnen? Kann ich sagen: «Oh, das ging voll daneben. Jetzt versuche ich es nochmals anders»? Vorbild sein heisst, gute Verhaltensweisen vorzuleben. 

Was hindert Jugendliche daran, bei Gefahr STOPP zu sagen?

Jugendliche überschätzen sich oft und sind sehr risikofreudig. Nicht, weil sie fahrlässig sind, sondern weil sie das Risiko anders erleben. Zudem haben sie den Wunsch, dazuzugehören. Dadurch sagen Jugendliche eher Ja als Nein. Denn ein Nein könnte zum Ausschluss führen. 

Hinzu kommt, dass Jugendliche oft erst spät merken, wenn sie überfordert sind. Somit kommt auch das STOPP-Sagen spät – oder gar nicht. Deshalb lohnt es sich, mit Jugendlichen das frühe STOPP-Sagen zu üben. 

Gibt es Beispiele, wie das STOPP-Sagen konkret geübt werden kann?

Erstellen Sie mit den Jugendlichen eine Liste, im Sinne eines Pro-Contra-Spiels: Was kann passieren, wenn man bei dieser Arbeit keinen Helm anhat? Und, was wenn man einen anhat? Ein Rollenspiel kann ebenfalls helfen: Spielen Sie mit den Jugendlichen die konkrete Situation durch, humorvoll, mit viel Emotionen. Lassen Sie die Jugendlichen das STOPP-Sagen üben. 

Auf der individuellen Ebene kann die Atempause helfen. Machen Sie vor einer Entscheidung eine kurze Atempause, atmen Sie 10 Mal tief ein und aus, um die Emotion kurzfristig zu entspannen. Entscheiden Sie erst dann.

Warum tragen Jugendliche ihre persönliche Schutzausrüstung nicht immer?

Jugendliche denken: «Sich schützen ist langweilig.» Ohne Schutzausrüstung ist der Kick grösser. 

Eine Lösung liegt im Erleben: Wie fühlt es sich an, einen Splitter im Auge zu haben – natürlich nicht in echt, sondern zum Beispiel mit einer speziellen Brille, wie auf dem Suva-Erlebnisparcours? Fühlen wirkt stärker als Vernunft und reine Sprache. 

Was kann man gegen Gruppendruck tun?

Beim Gruppendruck spielt die Zugehörigkeit mit – Zugehörigkeit ist für Jugendliche eine wichtige Belohnung. Diese droht, wegzufallen, wenn sie sich anders verhalten als die Gruppe. Darum fahren auch sie Töffli ohne Helm, wenn die Gruppe das tut.

Eine Möglichkeit ist, in Rollenspielen und Diskussionen ein anderes Verhalten einzuüben. Dabei lohnt es sich, dies immer mit einer Gruppe zu machen, nicht mit einem einzelnen Jugendlichen: 

Zuerst braucht es Arbeit am Bewusstsein. Es geht darum, aufzuzeigen, dass das «uncoole» Gefühl normal ist, wenn man den Helm trotzdem aufsetzt. Dass es normal ist, dass die Gruppe ohne Helm in coolem Licht erscheint. Diese Gefühle sind kein persönliches Versagen, sondern eine normale Reaktion des Gehirns. 

Im zweiten Schritt geht es darum, das Selbstwertgefühl zu stärken: Den Jugendlichen soll aufgezeigt werden, dass die wirklich Coolen jene sind, die für das einstehen, was ihnen wirklich wichtig ist – zum Beispiel für den Schutz ihres eigenen Kopfes. 

Beim Durchspielen der Situation kommt dann plötzlich der Kick und die Jugendlichen finden den Mut, den Helm bei der nächsten Fahrt anzuziehen. Das kann nach dem Rollenspiel gefeiert werden. 

Für Erwachsene sind Jugendliche manchmal fremde Wesen. Wie können die «Alten» die «Jungen» richtig verstehen?

Es hilft, offen für deren Perspektiven zu sein und sich bewusst zu machen, dass Jugendliche eine grosse Baustelle im Kopf haben. Es ist für sie nicht einfach, gut zu planen, ihre Emotionen im Griff zu haben oder immer rechtzeitig zu erscheinen. 

Dieses Verständnis bedeutet aber nicht, dass man alles gutheissen muss. Grenzen müssen aufgezeigt werden. Berufsbildende könnten mit den Jugendlichen zusammen nach Gründen suchen, warum jemand zum Beispiel zu spät kommt und zusammen Strategien erarbeiten, die helfen, das Verhalten zu verändern. Was kann der/die Jugendliche machen, was das Unternehmen?

Beim Schutz vor Unfällen muss die Kommunikation klar sein: Helme und Schutzbrillen müssen getragen, Handschuhe angezogen werden. Hält sich ein Jugendlicher nicht daran, können Berufsbildende in die Diskussion gehen: «Was verlierst du, wenn du den Helm trägst? Was gewinnst du?» Der Vorteil des Helms und gleichzeitig die Belohnung ist, dass sie am Abend gesund nach Hause gehen und so ihre Freizeit geniessen können. 

Wie werden Jugendliche glücklich?

Unsere täglichen Gewohnheiten haben einen starken Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Es gibt Dinge, die tun uns gut, andere machen uns unglücklich. Dies gilt einerseits für unsere Emotionen und Gedanken, dass wir sie bewusst wahrzunehmen und durch positive Gedankenhygiene – also das Reflektieren und Umlenken belastender Gedanken – das emotionale Gleichgewicht aktiv stärken. Dabei hilft es, Dankbarkeit zu kultivieren.

Andererseits hat unsere ganzer Lebensstil einen Einfluss. Hier ein paar Beispiele:

  • Pflege ich gute Freundschaften und bin gut zu anderen, macht mich das selbst glücklich. Das kann man kultivieren. Ich kann versuchen, freundlich zu sein, konstruktive Feedbacks zu geben, statt herumzumotzen. 
  • Achtsamkeit führt zu mehr Zufriedenheit. Jugendliche können lernen, bewusst Pausen von den digitalen Reizen zu machen. In diesen Pausen sollen sie den Moment bewusst wahrnehmen. Diese achtsame Wahrnehmung und die Pausen im Alltag sind hilfreich, um in die Balance zu kommen. 
  • Oder nehmen wir die Bewegung: Sie macht glücklicher und auch mental stärker. Wenn ich mich regelmässig bewege und an der frischen Luft bin, stärkt mich das. 
  • Auch Essgewohnheiten haben einen grossen Einfluss auf meine Stimmung. Esse ich viel Zucker oder verarbeitete Lebensmittel und habe dadurch einen instabilen Blutzuckerspiegel, wird auch meine mentale Gesundheit geschwächt. Bin ich mir dieses Zusammenhangs bewusst, ist es gar nicht mehr so «cool», einen Sack voller Süssigkeiten zu essen – weil ich verstehe, was das mit meinem Gehirn anstellt: nämlich eine Achterbahn der Gefühle.
  • Zudem sollen sie Tätigkeiten suchen, die das Gehirn in den Flow-Zustand bringt, zum Beispiel Musik machen oder anders kreativ tätig sein. Flow ist der Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit. Wegen der Medien haben Jugendliche aber oft keine Zeit dafür. Die zentralen Fragen, die sich alle Jugendlichen stellen sollten, sind: Was sind meine Flow-Aktivitäten? Und wie plane ich mir Zeit dafür ein?

2x3 Tipps gegen Unfälle von Barbara Studer

Für Jugendliche 

  • Gönne dir Bewegung – Sport oder Spazieren in der Natur. Plane sie bewusst und prioritär ein. 
  • Finde heraus, was dir selbst wirklich guttut. Tue es. 
  • Pflege gute Beziehungen und sei selbst ein guter Freund, eine gute Freundin. Such dir deine Peers bewusst aus. 

Für Berufsbildner/-innen 

  • Zeigen Sie Verständnis gegenüber Jugendlichen, ziehen Sie aber auch klare Grenzen: «Bezüglich Gefahren erwarte ich von dir…» 
  • Seien Sie Coach. Entwickeln Sie gemeinsam mit den Jugendlichen Strategien, damit sie Ihre Grenzen einhalten können: «Ich helfe dir, dass du sie im Griff hast.»
  • Seien Sie authentisch: Zeigen Sie den Jugendlichen, wie Sie selbst mit diesen Grenzen umgehen. 

Hirncoach

Barbara Studer ist Neurowissenschaftlerin, Dozentin an der Universität Bern, Referentin und Mitgründerin und CEO von Hirncoach. Hirncoach bietet wissenschaftlich fundierte Programme für die ganzheitliche Förderung der mentalen Fitness und Gesundheit für jede Lebensphase an. Zum Beispiel mit dem Programm «Brain Science of Happiness» für Jugendliche, mit interaktiven Workshops oder Webinaren zum jugendlichen Gehirn und Medien für Eltern und Fachpersonen.

www.hirncoach.ch

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