Was bedeutet eine positive Fehlerkultur?
Niemand macht gern Fehler. Viele von uns haben schon in der Schule gelernt: Fehler bedeuten schlechte Noten, Kritik und Ärger. Doch was wäre, wenn wir Fehler nicht als Schwäche, sondern als Chance sehen? Genau darum geht's bei der positiven Fehlerkultur.
Inhalt
Kurz und bündig
Ob auf Baustellen, im Handwerk, im Gesundheitswesen, im Büro oder im Alltag: Überall passieren Fehler. Wenn wir offen darüber sprechen, können wir:
- Risiken früh erkennen
- Abläufe verbessern
- Unfälle verhindern
- Engagement stärken
Auch die Schweizer Behörden unterstreichen, wie wichtig ein Umfeld ist, in dem wir Fehler ohne Angst melden können. Der Bundesrat betont die Notwendigkeit
Warum ist eine positive Fehlerkultur wichtig?
In Organisationen wird die Fehlerkultur unterschiedlich gelebt. Per Definition bedeutet Fehlerkultur die Art und Weise, wie Fehler, die bei der Arbeit passieren, wahrgenommen, behandelt und in organisatorische Prozesse integriert werden. Eine positive Fehlerkultur ist wichtig, damit Mitarbeitende Fehler klar und ohne Angst vor Konsequenzen kommunizieren. Nur so schaffen es Organisationen, Fehlerquellen rechtzeitig zu erkennen und zu beseitigen, bevor etwas Schlimmes passiert.
Dabei gibt es zwei grundsätzliche Arten:
Lern-Kultur (auch «Just Culture» genannt):
- Fehler werden offen angesprochen.
- Niemand sucht nach Schuldigen, sondern nach Lösungen.
- Alle lernen daraus.
Positive Fehlerkultur wirkt langfristig und macht Organisationen leistungsfähiger, innovativer und stabiler.
Schuld-Kultur:
- Wer einen Fehler macht, ist schuld.
- Deshalb werden Fehler versteckt.
- Schuld-Kultur verursacht Blockaden und verhindert aus Angst, dass Informationen weitergegeben werden.
Schuldkultur wirkt kurzfristig kontrollierend, ist langfristig jedoch schädlich.
In einer positiven Fehlerkultur gilt:
Fehler sind nicht peinlich, sie sind Hinweise darauf, was wir verbessern können.
Weg von Schuld, hin zu Verbesserung
Häufig wird bei Fehlern immer noch zuerst gefragt: «Wer war das?»
Dabei wissen wir längst: «Die Ursache liegt meist nicht nur bei einer Person.» Viele Faktoren spielen zusammen:
- Zeitdruck
- unklare Abläufe
- fehlende Informationen und Instruktionen
- technische Probleme
Unfälle passieren fast nie nur, weil ein Mensch einen Fehler gemacht hat. Meist gibt es mehrere Gründe, die zusammenwirken und zu einem Unfallverlauf beitragen. Manche dieser Gründe liegen im System selbst, zum Beispiel in mangelnder Ausbildung, unklaren Abläufen oder der Organisation. Dann sprechen wir von «versteckten Ursachen». Sie sind schwer zu erkennen. Ein menschlicher Fehler ist hingegen oft sofort sichtbar.
Der britische Psychologe James Reason hat in diesem Zusammenhang das Swiss-Cheese-Modell
Deshalb Fragen wir:
- Wo gibt es Lücken im System?
- Wie schliessen wir sie?
So werden Fehler zu Wegweisern für Verbesserungen.
Bedeutet das: Alles ist erlaubt?
Nein. Eine positive Fehlerkultur heisst nicht, dass alles akzeptiert wird.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen:
- unbeabsichtigten Fehlern: Jemand wollte es richtig machen, aber es ist schiefgelaufen.
- absichtlichem Fehlverhalten: Jemand bricht bewusst Regeln oder handelt bewusst gefährlich.
Aus unbeabsichtigten Fehlern lernen wir.
Absichtliches Fehlverhalten hat Konsequenzen.
Eine gute Fehlerkultur schafft deshalb Regeln:
Wo endet Verständnis und wo beginnt Verantwortung?
Warum fällt uns das so schwer?
Fehler zuzugeben, macht uns verletzlich. Viele haben Angst vor:
- Kritik und persönlichen Konsequenzen
- Gesichtsverlust
- Nachteilen für die Karriere
Hinzu kommt unsere Prägung: Schon als Kind verbinden wir Fehler meist mit Strafe. Dieses Denken nehmen wir mit ins Berufsleben. Deshalb brauchen wir ein Umfeld, in dem wir uns sicher fühlen. Die Forscherin Amy Edmondson nennt das psychologische Sicherheit.
Psychologische Sicherheit: Basis für Offenheit
Psychologische Sicherheit ist essenzieller Bestandteil der positiven Fehlerkultur. Fehlt diese Sicherheit, öffnen sich Mitarbeitende nicht und die positive Fehlerkultur kann ihre volle Tragkraft nicht entfalten.
Das bedeutet:
- Wir dürfen Fragen stellen.
- Wir dürfen Zweifel äussern.
- Wir geben Fehler ohne Angst vor Blossstellung zu.
- Mitarbeitende erhalten für das Teilen von Fehlern Wertschätzung, werden nicht bestraft.
Wenn Führungskräfte zuhören, Informationen ihrer Mitarbeitenden wertschätzend und respektvoll entgegennehmen und selbst zu ihren Fehlern stehen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist der Nährboden für gemeinsames Lernen.
Die Rolle der Führung
Führungskräfte haben hier eine Schlüsselrolle, indem Sie ihren Mitarbeitenden klar und einfach erklären, wie sie mit Fehlern umgehen und dies auch so vorleben. Sie äussern eine klare Erwartungshaltung im Umgang mit Fehlern und machen deutlich, dass diese offen angesprochen werden dürfen und das sogar erwünscht ist.
Wichtig ist auch zu erklären, warum das so ist. Alle sollen gegenseitig aus Fehlern lernen und sich weiterentwickeln können. Mitarbeitende sollen sicher sein, dass sie keine negativen Folgen befürchten müssen, wenn sie ehrlich sind.
Damit das klappt, müssen Führungskräfte offen und verständlich kommunizieren und selbst den ersten Schritt machen.
Regeln und das tägliche Verhalten sind gleichermassen wichtig:
- offen eigene Fehler ansprechen
- wertschätzend Feedback geben
- Mitarbeitende ernst nehmen
- gemeinsam Lösungen entwickeln
Chefinnen und Chefs haben eine Vorbildfunktion. Wenn sie sagen: «Auch mir passieren Fehler, lasst uns gemeinsam daraus lernen», dann verändert das die gesamte Arbeitsatmosphäre.
Wie gehe ich mit einem Fehler um?
Damit wir aus Fehlern lernen, brauchen wir Strukturen. Eine hilfreiche Methode ist die 5-Why-Methode. Sie hilft dabei, die wahre Ursache eines Problems zu finden: Bei dieser Methode fragen Sie mehrmals hintereinander «Warum ist das passiert?». Jede Antwort führt zu einer neuen «Warum»-Frage. So gehen Sie Schritt für Schritt tiefer, bis Sie das sichtbare Problem und die eigentliche Ursache kennen und diese anschliessend gezielt beheben können.
Folgende Gefässe sind in Bezug auf Fehleranalysen sinnvoll:
- kurze Besprechungen vor und nach wichtigen Aufgaben
- gemeinsame Analyse von Vorfällen
- einfache Meldesysteme
- regelmässiges Feedback
Wichtig zu beachten ist, dass es für solche Besprechungen klare Kommunikationsregeln gibt, die ausnahmslos für alle gelten:
- keine Schuldzuweisungen
- Wertschätzung für Ideen und Verbesserungsvorschläge
So geht wertvolles Wissen nicht verloren, Verbesserungen werden umgesetzt und Mitarbeitende trauen sich, Erfahrungen zu teilen.
Was bringt uns das als Gesellschaft?
Eine positive Fehlerkultur stärkt:
- Sicherheit
- Qualität
- Zusammenarbeit
- Innovationskraft
- Lernen
Sie macht Organisationen widerstandsfähiger und Menschen mutiger.
Denn am Ende gilt: Nicht die Fehler sind das Problem, sondern, wenn wir nichts aus ihnen lernen.
Eine positive Fehlerkultur verwandelt Missgeschicke in Fortschritt. Genau das macht sie so wertvoll für unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft.
