Schweizer Fussballschiedsrichter Urs Meier zeigt eine gelbe Karte am WM-Spiel Südkorea-Deutschland 2002

Wie steht’s um Fairplay an WM-Spielen?

Leidet das Fairplay, wenn es um besonders viel geht? Keineswegs: An der WM wird weniger verwarnt als in den Schweizer Ligen.

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Natürlich wollen alle Fussballerinnen und Fussballer jedes Spiel gewinnen. Doch es gibt Partien, bei denen es um ganz besonders viel geht. Unbestritten am bedeutendsten sind Matches an einer WM: die Stadien sind rappelvoll, die ganze Welt schaut zu, und jeder Fehler kann das unmittelbare Ausscheiden zur Folge haben. So liegt die Vermutung nahe, dass auf der grössten Bühne öfter gezupft, gefoult und gedreckelt wird. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: An der letzten WM wurden pro Spiel deutlich weniger gelbe Karten gezückt als in der letzten Super-League-Saison.

WM als Fairplay-Vorbild

«Ich bin immer wieder überrascht, wie fair WM-Partien ablaufen und wie wenig reklamiert wird», sagt Ex-Schiedsrichter Urs Meier. Er hat in seiner Schiedsrichter-Karriere alles erlebt und wichtige Spiele geleitet: von Amateurligen, Champions League bis WM-Endrunden 1998 und 2002 – darunter das Halbfinale Südkorea gegen Deutschland. So kommt er im Interview aus seiner langjährigen Erfahrung zum Schluss: «Ein WM-Spiel ist zehn Mal einfacher zu leiten als ein 1.-Liga-Match».

Urs Meier kennt die Gründe

Er sieht dafür mehrere Gründe: Die Profis wollen nicht riskieren, wegen gelber Karten später im Turnier gesperrt zu sein oder gar wegen eines Platzverweises eine Niederlage mitzuverschulden. Zudem stehen sie im Schaufenster der Weltöffentlichkeit und wollen sich von der guten Seite präsentieren. Weiter berichtet er im Interview aus seiner Erfahrung: «Schiedsrichter an Endrunden geniessen von den Spielern grösseres Vertrauen. Wenn sie früh genug die Limiten durchgeben, wird das von den Fussballern akzeptiert.»

Auch die Zahlen zeigen: An WM-Spielen wird fairer gespielt.

Obwohl an einer WM so viel auf dem Spiel steht, mussten die Unparteiischen an der letzten Endrunde in Russland 2018 im Schnitt nur 3,4 gelbe Karten zeigen, in den Schweizer Profiligen sind es 4,5. Selbst in der 2. Liga / 2. Liga interregional müssen die Referees 3,9 Gelbe im Schnitt zücken. Noch deutlicher sieht es bei den Platzverweisen aus.

Grafik, die die durchschnittliche Anzahl roter und gelber Karten während verschiedener Profi-Fussballspiele zeigt.

Vergleicht man die Karten der letzten Endrunden, lässt sich nur schwer ein Trend ablesen. Das hat auch damit zu tun, dass die WM in Sachen Regeln und Regelauslegungen oft ein Experimentierfeld ist. «Solche Änderungen treten auf den 1. Juli in Kraft, wenn oft grosse Turnier anstehen», so Meier. Die Teams würden aber im Vorfeld bestens instruiert, was es neu zu beachten gebe. 1998 etwa wurden Grätschen von hinten erstmals konsequent mit Rot geahndet, was den Rekordwert erklärt. 2006 sollten Unsportlichkeiten schneller bestraft werden, was sich in einer Flut von Ampelkarten niederschlug. 2014 wiederum wurden die Unparteiischen von der FIFA angehalten, weniger gelbe Karten zu zeigen – nie war der Schnitt tiefer. «Das war keine gute Idee», urteilt Meier. «Die Spieler haben dies teilweise ausgenutzt, das Verletzungsrisiko stieg beträchtlich.» Den Kartenschnitt der letzten WM (3,4 pro Spiel) hält er für angemessen.

Solche Instruktionen über neue Regelauslegungen erfolgen auch in Meisterschaften. Dort nutzt sich deren Effekt aber bisweilen nach einigen Partien ab. Den Hauptgrund dafür, warum auf der höchsten Stufe weniger Verwarnungen ausgesprochen werden, sieht Meier allerdings woanders: in der Qualität der Fussballer. «Die heutigen Spitzenspieler sind unglaublich gut geschult. Sie sind technisch und taktisch derart top, dass kaum ein Ball verspringt. Sie können das Spiel lesen und Gegnern ausweichen. Sie gehen hochkonzentriert in Partien und Zweikämpfe und sind extrem diszipliniert.»

Bei einem Amateurkicker, der nach einem stressigen Tag im Job und einem Streit mit der Freundin auf den Platz kommt, braucht es vielleicht nur einen Funken, bis er sich zu einer Unsportlichkeit hinreissen lässt. Profis haben sich meist selbst nach Fehlentscheidungen unter Kontrolle. Und nicht nur das: «Sie haben auch ihren Körper besser im Griff und wissen, wann und wie sie in ein Duell gehen können, ohne sich oder den Gegenspieler zu gefährden.» 

Für einen Schiedsrichter bedeutet das: je höher das Level, desto simpler der Job.

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