Arbeitssicherheit entsteht im Dialog
Marco Lehmann setzt bei der Arbeitssicherheit auf Gespräche statt Vorwürfe. Damit hat er sich das Vertrauen der Mitarbeitenden erarbeitet und wird als Unterstützer auf die Baustelle gerufen.
Inhalt
Kurz und bündig
Marco Lehmann weiss: Arbeitssicherheit wirkt nur, wenn sie verstanden und gemeinsam getragen wird. Deshalb setzt er auf Gespräche statt auf Vorwürfe.
- Gefährliche Situationen entstehen oft unbewusst – etwa durch Zeitdruck, Routine oder den Wunsch, gute Arbeit zu leisten.
- Wer Risiken anspricht, ohne zu beschuldigen, schafft Vertrauen und wird als Unterstützer wahrgenommen.
- Präsenz vor Ort, einfache Hilfsmittel und kurze Schulungen helfen, Sicherheitsmängel früh zu erkennen und zu beheben.
Marco Lehmann liebte seinen Job als Strassenbauerlehrling. Hier konnte er aktiv sein, Energie ablassen. Und er hatte ein klares Ziel vor Augen: «Nach der Lehre wollte ich eine Maurerlehre anhängen und Polier werden.»
2014 stürzte in einer Baugrube eine Lehmkante auf ihn. Zwei Operationen und sechs Jahre später war klar, dass seine verletzte Schulter dies unmöglich zuliess. «Für mich brach eine Welt zusammen». erinnert sich der Emmentaler. Bei seinem Arbeitgeber, der GLB Genossenschaft, wurde gerade ein Sicherheitsbeauftragter gesucht. Er bewarb sich 2022 ohne grosse Vorkenntnisse auf seinen ersten Bürojob. Seine Bilanz aus heutiger Sicht: «Als SiBe habe ich eine super Arbeit. Ich bin in meiner neuen Rolle ein viel grösserer Multiplikator geworden.»
Ein tödlicher Unfall bewegte vieles
2023 stürzte ein Mitarbeiter der GLB von einem Dach und kam ums Leben. Das veränderte vieles. Die Mitarbeitenden seien schockiert, traurig und ratlos gewesen, erinnert sich Lehmann. «Mir persönlich ging das ebenfalls sehr unter die Haut. Neu in der Rolle des SiBes war ich sehr nahe am Unfall dran. Das macht etwas mit einem.»
Er suchte nach Gründen für den Absturz. Denn für einen sicheren Einsatz wäre eigentlich alles da gewesen: persönliche Schutzausrüstung, ein klarer Auftrag, Schulung. Trotzdem hatte sich der Mitarbeiter ungesichert auf dem Dach bewegt.
Risiken werden oft unbewusst eingegangen
Lehmann weiss aus Erfahrung: «Niemand setzt sich einfach so einer Gefahr aus.» Risiken würden Menschen oft unbewusst eingehen: Weil sie schnell sein oder es gut machen möchten. Weil sie eine Arbeit «für den Chef» erledigen wollten. Oder aus Berufsstolz. «Auch mangelnde Konzentration kann dazu führen, dass sich jemand verletzt.»
Leichter Zugang zu den Menschen
Dass man schnell abgelenkt werden kann, kennt Lehmann aus eigener Erfahrung. «Viele bei der GLB wissen, dass ich ADHS habe», gibt er unverblümt zu. Menschen mit dieser Diagnose können sich schlechter konzentrieren, sind oft impulsiv und unruhig. Doch Lehmann machte daraus nie ein grosses Thema – er wollte keine Sonderbehandlung. «Ich sehe darin auch positive Seiten», relativiert er. «Dank ADHS komme ich nicht nur mit Veränderungen gut klar. Es fällt mir auch sehr leicht, auf Menschen zuzugehen.»
Im Dialog versucht er, mit den Mitarbeitenden gemeinsam zu überlegen, wohin Gefahren bei der Arbeit führen können. Dabei wurde Lehmann klar: «Um sich sicher zu verhalten, braucht es mehr als nur Regeln.»
Sicherheit im ganzen Unternehmen
Rund 1200 Mitarbeitende arbeiten bei der GLB Genossenschaft in elf Branchen und zehn Gesamtarbeitsverträgen. Das Unternehmen lässt sich in drei Sparten aufteilen: Bau, Fabrikation und Büro.
«Die Mitarbeitenden kennen mich. Denn ich bin so oft wie möglich bei ihnen vor Ort präsent», erklärt Lehmann. Als gelernter Strassenbauer und Maurer spreche er zudem ihre Sprache – und werde deshalb verstanden.
Mängel klären, ohne zu beschuldigen
«Wenn ich bei meinen Besuchen einen Mangel feststelle, unterscheide ich klar: Geht es um einen Verstoss gegen die lebenswichtigen Regeln? Dann wird erst weitergearbeitet, nachdem der Mangel behoben ist.» Bei weniger gefährlichen Mängeln suche er vor allem das Gespräch.
Lehmann fragt dann jeweils nicht: ‹Warum hast du das gemacht?, sondern: «Was hättest du gebraucht, damit dieser Mangel gar nicht erst entsteht?» Fehlte Wissen, ein Hilfsmittel, Unterstützung – oder schlicht die Motivation? Jede Antwort erfordert eine andere Lösung.
Sicherheit verankern durch Schulung und Verantwortung
Für die drei Bereiche Bau, Fabrikation und Büro erstellt der SiBe monatlich eine Kurzschulung. Etwa zu Gerüsten, UV-Schutz, Ergonomie, Schlaf oder Vitamin D. «Die Themen dürfen durchaus kreativ gewählt sein», sagt er und lächelt. Gehalten werden die Schulungen in der Regel von den Führungskräften. So bleibt Arbeitssicherheit im ganzen Unternehmen ständig präsent.
Mit einfachen Hilfsmitteln Sicherheit im Alltag stärken
Zusätzlich setzt er auf praktische Hilfsmittel. Das Suva-Merkblatt Fassadengerüste verteile er schätzungsweise rund hundertmal pro Jahr – weil es einfach nützlich sei. Lehmann präzisiert: «Dieses Formular kannst du auf allen Ebenen brauchen: von der Projektleitung bis zum Maurer.»
Im GLB-Intranet hat Lehmann verschiedene, einfache Formulare erstellt. Eines ist zum Melden von Mängeln: Alle Mitarbeitenden können es nutzen, um zum Beispiel eine Gerüstkontrolle zu machen: Mangel beschreiben, bis zu drei Bilder hinzufügen und abschicken. Die Informationen landen direkt im System und Lehmann erhält ein E-Mail. «Ich habe gemerkt, dass viele Mitarbeitende zu wenig sicher sind, wie etwas korrekt aufgebaut sein soll.» Deshalb liefert das Formular auch gleich die richtigen Masse und Angaben. «Einmal sind mir beim Lesen eines Formulars die Haare zu Berge gestanden.» Er habe den Projektleiter angerufen und gefragt: «Brauchst du Unterstützung?» Zusammen konnten sie dafür sorgen, dass das Gerüst korrekt angebracht wurde.
Vertrauen verbessert die Sicherheit messbar
Bei all diesen Massnahmen geht es Lehmann immer darum, über den Sinn von Arbeitssicherheit zu sprechen. ‹Mitenang schnure›, wie man auf gut Berndeutsch sagt. Er wolle sensibilisieren, indem er rechtliche Aspekte aufzeige und Fragen stelle. Zum Beispiel: Warum helfen diese Handschuhe dabei, die Finger zu schützen? Oder warum ist es so wichtig, frühzeitig STOPP zu sagen?
Wenn Mitarbeitende den SiBe aktiv einbeziehen
Auf die Frage nach dem Erfolg, antwortet Lehmann: «Mitarbeitende rufen mich an und sagen: ‹Marco, wir haben hier ein Problem. Kannst du vorbeikommen?› Für ihn ein klares Zeichen von Vertrauen: «Sie sehen mich als Unterstützer.»
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Sowohl die Anzahl der Unfälle als auch die entschädigten Tage liegen in den letzten vier Jahren immer noch über dem Branchendurchschnitt, gingen aber leicht zurück. Die schweren Unfälle seien hingegen deutlich weniger geworden, erklärt Lehmann und ergänzt: «Ich bin mir bewusst: Es gibt noch viel zu tun. Aber wir sind bei der GLB auf einem guten Weg.»
Vier Tipps von Marco Lehmann
- Befähigen Sie Mitarbeitenden durch Schulungen und Hilfsmittel, um ihnen im Anschluss Verantwortung zu übertragen.
- Erklären Sie den Sinn der Arbeitssicherheit, statt Schuldige für Mängel zu finden.
- Es lohnt sich nicht, auf dem kleinsten Detail herumzureiten. Zeigen Sie lieber die Konsequenzen von unachtsamem Handeln auf.
- In unserer multikulturellen Welt ist das Kommunizieren mit Bildern am verständlichsten.


